Donnerstag, 5. April 2012

Wir sind die Krise


Wir sind die Krise

Einführungsvortrag über die wertkritische Krisentheorie (27.3.2012, Veto Erfurt)

von Christian Höner

Über Bedingungen und Bedeutung krisentheoretischer Überlegungen

1991, ein Jahr nachdem der Kapitalismus aus dem Kampf der Systeme als Sieger hervor- und der real-existierende Sozialismus unterging, erschien im Eichborn-Verlag ein Buch mit dem Titel „Der Kollaps der Modernisierung“. Darin wartete dessen Autor Robert Kurz mit der steilen und damals anachronistisch-wirkenden These auf, der Zusammenbruch des Sozialismus sei nur das Wetterleuchten einer viel grundlegenderen Krise, nämlich einer genuinen Krise der Weltökonomie bzw. des warenproduzierenden Systems.
Grundlage dieser Einschätzung war ein neuer theoretischer Zugang, mit dem versucht werden sollte, die stumpf-gewordenen Paradigmen traditioneller Kapitalismuskritik zu überwinden. Nicht mehr die Klassen- und Verteilungsfrage der alten Arbeiterbewegung wurde in das Zentrum der Analyse und Kritik gestellt, die im Kern nur auf eine gerechte Verteilung des produzierten Mehrwerts abzielte; vielmehr fokussierte sich die Kritik nun grundsätzlicher auf die gesellschaftliche Produktions- und Vermittlungsformen des Werts und der abstrakten Arbeit. Vor diesem theoretischen Hintergrund erschien der Sozialismus nicht als die große Systemalternative, sondern vielmehr als eine Alternation, eine staatskapitalistische Spielart des warenproduzierenden Gesamtsystems.
Wurde die Wertkritik in den folgenden Jahrzehnten innerhalb der Linken in bestimmten Versatzstücken aufgegriffen, diskutiert und kritisiert, so blieb doch deren These von einer finalen Krise des Systems der obskuranteste und seltsamste Aspekt des wertkritischen Theorieuniversums, mit dem sich kaum jemand anzufreunden vermochte. Die Palette der Abwehr einer Fundamentalkrise reichte dabei vom bloßen Abschneiden der Krisentheorie vom restlichen, „ernstzunehmenden“ Theoriebestand der Wertkritik bis hin zur Denunzierung als bloßes Apokalypse- und Weltuntergangsgequatsche. Selbst der Wertkritik nahestehende Positionen konnten oder wollten mit der Krisentheorie nichts anfangen und stimmten in den Chor der Finale-Krise-Leugner ein. Unter dem Titel „Neues vom Weltuntergang“1 höhnte im Jahr 2000 Michael Heinrich2 inhaltlich noch am anspruchsvollsten gegen die wertkritische Krisentheorie. Eine Fundamentalkrise ließe sich im Anschluss an Marx nicht konsistent begründen, so Heinrichs Kritik. Die Rede von Krise mache nur dann Sinn, wenn der Kapitalismus jenseits seiner historischen Daseinsweise als permanente Krise begriffen werde (ähnliches äußerte auch der antideutsche Theoretiker Stefan Grigat). Kapitalismus bedeutet demnach immer Krise, weil die allumfassende Konkurrenz stets Gewinner und Verlierer produziert. Ständig spuckt der Markt nach kapitalistischen Kriterien unproduktive und überflüssige Marktteilnehmer aus, sei es nun der Brötchenbäcker von nebenan, ein Autokonzern oder eine ganze Nationalökonomie. Solche Überflüssigmachungen können durchaus zu Krisen kulminieren, allein sie gefährden das Gesamtsystem nicht. Der Grund hierfür ist, dass Krisen nicht nur den Untergang bestimmter Marktteilnehmer hervorrufen, sondern gleichzeitig die Voraussetzung für einen neuen Akkumulationszyklus des Kapitals schaffen. Der bürgerliche Nationalökonom Josef Schumpeter nannte diese Potential des Kapitals, durch Krisen wie Phönix aus der Asche auferstehen zu können, schöpferische Zerstörung. Sah Schumpeter darin jedoch durchaus eine Dynamik angelegt, die das Überleben des Kapitalismus gefährdet, so erblicken viele Linke – ähnlich wie Heinrich - im ewig gleichen Krisenprozess des Kapitals auch dessen Jungbrunnen.
Die Überzeugung, dass der Kapitalismus ums Verrecken nicht an sich selbst scheitern kann, dürfte wohl die Ohnmachtsgefühle eines Großteils der Linken spiegeln, welche sich aus der realen historischen Erfahrung speisen, dass das kapitalistische System trotz schwerster Krisen fortbesteht.3 Über diese historische Erfahrung hinaus stand in den 1990er Jahren einer ernsthaften Befassung mit der fundamentalen Krisentheorie der Wertkritik die empirischen Lebenswirklichkeiten vieler Linker hierzulande im Wege, die geprägt war von der kasinokapitalistischen Boomphase – auch wenn sich es dabei freilich um eine Binnenperspektive aus den Gewinnerzonen des Weltmarktes handelte. Aus dieser Perspektive jedenfalls konnten die diversen Staatsbankrotte und geplatzten Finanzblasen – auch wenn die Krisen-Einschläge zeitlich dichter und topografisch näher kamen – noch unter dem Stichwort »Bereinigungskrisen« abgetan werden. Doch mit dem Platzen der US-amerikanischen Immobilienblase im Jahre 2007 ändert sich das Wahrnehmungsszenario. Im Staccato wechselten nun die Krisenszenarien und verdichteten sich zu einem Zustand permanenter Krise: An die Immobilienkrise schloss sich nahtlos die Finanzmarktkrise 2008 an, die sich in eine Staatsschulden-Krise transformierte und sich nun am Horizont als Geldkrise andeutet. Wenn bereits die Spatzen des bürgerlichen Journalismus von Tagesschau bis FAZ die Systemkrise von den Dächern pfeifen, dann scheint auch in der Linken das bisher Undenkbare einer hausgemachten Systemkrise zumindest als diskutable Möglichkeit.
Dabei ist die zu diskutierende Frage, wie das aktuelle Krisenszenario theoretisch zu bestimmen sei, keine bloß akademische. Auch geht es nicht um eine bloß haarspalterische Besserwisserei linker Theorieteiche (auch wenn Theorieakteure diesen Eindruck mitunter vermitteln). Die Frage der Kriseninterpretation berührt nämlich nicht nur das grundlegende Verständnis des Kapitalismus als solchen, sondern auch die Frage, was Emanzipation heute noch heißen kann und in welchem programmatischen Horizont sie zu verorten ist. So sieht das Gros der Bewegungslinken als auch der Protestbewegungen Emanzipationsspielräume innerhalb des kapitalistischen Formzusammenhangs gegeben, auf die sich die Anstrengungen konzentrieren. Wenn Occupy, Attac und Sahra Wagenknecht für eine Regulierung der Finanzmärkte und eine gerechte Verteilung des abstrakten Reichtums eintreten, dann setzt dies natürlich voraus, dass die Gesellschaftsmaschine, die den abstrakten Reichtum produziert, aus sich heraus munter weiterläuft. Die reale Vitalität des Kapitals ist die notwendige Voraussetzung aller sozialdemokratischer Regulations- und Emanzipationsvorstellungen. Solange das Kapital unbeirrt vor sich hin akkumuliert, wird es eine radikale Kapitalismuskritik schwer haben, wenn sie mit dem Kapitalismus brechen will und hierfür bloß moralische Argumente und lebensphilosophische Haltungen liefern kann. Sollte sich hingegen die wertkritische Behauptung bewahrheiten, dass das Kapital an den eigenen Widersprüchen zugrunde geht, dann wäre die Frage einer Emanzipationsperspektive nicht mehr innerhalb des kapitalistischen Formzusammenhangs aufweisbar, sondern nur noch jenseits dieser Form.
Um einem in diesen Zusammenhang häufig auftauchenden Missverständnis gleich entgegenzutreten: Die Behauptung, das Kapitalverhältnis ginge an sich selbst zugrunde, impliziert nicht, dass sich die Sache von selbst erledigt. Die Selbstzerstörung des Kapitals ist nämlich nicht identisch mit Emanzipation. Da die gesellschaftliche Vermittlung der stofflichen Reproduktion der Individuen sich allein in den Darstellungsformen des Kapitals (Arbeit, Ware, Geld) realisiert, droht mit dem Untergang des Kapital eben auch diese Reproduktion unterzugehen. Das Problem dabei ist, dass es derzeit keine anderen Formen gesellschaftlicher Vermittlung gibt, die jenseits von Ware-Geld-Beziehungen in der Lage wären, die stoffliche Reproduktion zu meistern. Sie zu entwerfen, wäre – neben den Abwehrkämpfen mit den irre-werdenden Geistern des alten Systems - die große Herausforderung einer Emanzipationsbewegung.
Ich muss es bei diesen Andeutungen belassen, um die Notwendigkeit zu unterstreichen, dass eine theoretische Auseinandersetzung um die Bestimmung von Kapitalismus und Krise notwendig und konsequenzenreich ist. Im Folgenden werde ich versuchen, die wertkritische Krisentheorie grob zu skizzieren.

Zur wertkritischen Krisentheorie

Um den grundlegenden Krisenmechanismus des Kapitals skizzieren zu können, ist es notwendig, die theoretischen Voraussetzungen und Grundbestimmungen offenzulegen, mit denen die Wertkritik – selbstredend im Anschluss an Marx – das Kapital zu bestimmen versucht.4 Unter Kapital wird dabei nicht – wie in vulgärmarxistischer Manier - eine Klasse von Privateigentümern an Produktionsmitteln verstanden, sondern der selbstzweckhafte Prozess der Wertverwertung, d.h. ein Prozess, bei dem es darum geht, aus Geld mehr Geld zu machen über den Umweg der Warenproduktion. Die Ergebnisse dieses Prozesses stellen sich in zwei unterschiedlichen Reichtumsformen dar, wobei das Geld die abstrakte Reichtumsform repräsentiert, während die Ware gemeinhin als stoffliche Reichtumsform angesehen wird. Die Marx'sche Analyse der Ware offenbart jedoch, dass bereits in der Ware selbst beide Reichtumsformen angelegt sind: Die Ware ist einerseits als konkret-sinnlicher Gegenstand zu fassen, der ein konkret-sinnliches Bedürfnis befriedigen kann. Andererseits ist die Ware Trägerin eines abstrakten Werts, der ausdrückt, dass diese Ware in einem bestimmten, rein quantitativen Verhältnis gegen eine andere Ware (oder gegen Geld) getauscht werden kann. Der in der Ware angelegte Widerspruch, einerseits als konkret-sinnliches Gebrauchsding zu existieren und andererseits als abstrakt-nichtsinnliches bzw. übersinnliches Wertding, bleibt jedoch nicht auf die Ware beschränkt, sondern durchzieht den Gesamtprozess der gesellschaftlichen Reichtumsproduktion. Erscheint der widersprüchliche Charakter der Ware in der Analyse zunächst nur in einer vermeintlich harmlosen, weil bloß begrifflichen Form vorzuliegen, so entzündet und entfaltet er sich in dem Maße, wie die gesellschaftliche Reichtumsproduktion warenförmig durchdrungen ist. Es erweist sich dabei, dass beide Reichtumsformen (sinnlich-konkret vs. übersinnlich-abstrakt) nicht friedlich nebeneinander koexistieren, sondern real miteinander konfligieren. Dieser bereits im Doppelcharakter der Ware angelegte Konflikt zwischen der abstrakten Wertform und dem stofflichen Inhalt ist nun die Mutter aller Krisen.
Bevor im Folgende näher auf die Krisen einzugehen sein wird, sind zunächst einmal verschiedene Krisenformen voneinander zu unterscheiden. Denn Krise ist nicht gleich Krise. Zunächst einmal muss danach gefragt werden, in Bezug worauf überhaupt von einer Krise gesprochen werden kann. Ist der Prozess der Reichtumsproduktion selbst Gegenstand der Krise oder 'nur' sein soziales und ökologisches Umfeld? Was für die Menschen und für die Natur als Krise sich geltend macht, ist für das System meistens nichts anderes als der normale modus operandi, die normale Daseinsweise des kapitalistischen Reproduktionsprozesses. Die Vermeidung ökologischer Folgekosten der kapitalistischen Reichtumsproduktion ist genauso gewinnfördernd wie die Wegrationalisierung von Arbeitsplätzen, ihre Verlegung in Billiglohnländer oder die Erhöhung des Intensitätsgrades der Arbeit5.
Der Grund für die Rücksichtslosigkeit der Ökonomie gegenüber sozialen und ökologischen Aspekten liegt dabei nicht in der subjektiven Gier von ungebildeten oder moralisch-mangelhaften Menschen und auch nicht in der Natur des Menschen, sondern in den Widersprüchen der Ökonomie selbst, die – wie bereits angedeutet – zwischen den beiden Reichtumsformen (konkret-stofflich versus abstrakt) besteht. Das Geld, welches nichts anderes als die Inkarnation bzw. Verkörperung der abstrakten Wertseite aller Waren darstellt, ist nämlich nicht – wie die VWL-Lehre propagiert – bloßes Schmiermittel des ökonomischen Prozesses, sondern es ist Ausgangs- und Endpunkt der Reichtumsproduktion. Marx hat dafür die berühmte Formel des Kapitals geprägt: Geld-Ware-mehr Geld (G-W-G'). Im Geld ist die abstrakte Wertseite der Ware zum eigentlichen Zweck der Produktion geworden, während die konkrete-sinnliche Seite der Ware nur noch als Mittel für den übergeordneten Zweck der abstrakten Wertverwertung fungiert. D.h., der Verwertungsprozess bzw. die abstrakte Reichtumsproduktion geniest aus systemischer Sicht den Vorrang gegenüber allen möglichen Aspekten einer konkreten Reichtumsproduktion. Alle konkret-sinnliche Aspekte, seien sie nun ökologischer oder sozialer Art, sind sekundär und im Zweifelsfall zu vernachlässigen. Der Selbstzweck der abstrakten Reichtumsproduktion und das bloße Mittel-Werden der konkreten Reichtumsproduktion ist also der im Betriebsmodus des Systems angelegte Hauptgrund sozialer und ökologischer Krisen.
„Selbstzweck der abstrakten Reichtumsproduktion“ meint hier aber nicht nur, dass sich die abstrakte Wertseite der Ware tendenziell autonom macht von der konkret-sinnlichen Seite der Ware, sondern auch das relative Autonom-Werden der abstrakten Reichtumsproduktion vom menschlichen Gestaltungswillen. Die politische Souveränität endet am Verwertungsimperativ, denn dieser liefert ihr wichtigstes Gestaltungs- und Existenzmedium: Das Geld. Die abstrakte Reichtumsproduktion hat sich gegenüber den Menschen als eine fremde Macht etabliert, deren stummen, systemischen Zwängen die Individuen unterworfen sind. Marx spricht deshalb auch vom Kapital als einem „Automatischen Subjekt“.
Die durch den Selbstzweck der abstrakten Reichtumsproduktion hervorgerufenen sozialen und ökologischen Krisen stellten in der bisherigen Geschichte des Kapitalismus meistens keine ernstzunehmenden Krisen für das Kapital dar, da die Existenz des Systems als solches selten in seiner Totalität bedroht war. Aus systemischer Sicht ist es solange gleichgültig, ob Menschen am Hungertuch nagen oder irgendwelche Landstriche vergiftet oder verstrahlt sind, wie bestimmte allgemeine, stofflich-konkrete Rahmenbedingungen der Verwertung gegeben sind. Allein die Ware Arbeitskraft muss sich in ausreichendem Maße reproduzieren, wobei „ausreichend“ meint, dass die Ware Arbeitskraft nicht aussterben darf und ihre Leistungsfähigkeit einigermaßen konstant bleiben sollte. Hier gibt es natürlich aus der Perspektive der Gewinnerzonen jede Menge Spielraum nach unten...

Inwiefern kann von einer Krise des Kapitals also nun gesprochen werden?

Das Kapital mag soziale Krisen für die Menschen produzieren, allein es spricht wenig dafür, dass diese Krisen zurückschlagen und in einer Krise des Kapitals selbst kulminieren. Von einer solchen Option ist Marx in seiner Verelendungstheorie tatsächlich noch ausgegangen. Demnach fusionieren die vom Verwertungsdiktat angetriebenen Einzelkapital zu immer größeren Einheiten und vereinen damit gleichsam immer größere Einheiten von Besitzern der Ware Arbeitskraft unter ihr Kommando. Gemeinsam unter dem Joch der Verwertung leidend, formiert sich ein besonderes gesellschaftliches Interesse an der Überwindung der abstrakten Reichtumsproduktion bis sich schließlich das Proletariat erhebt und die Produktion von der Herrschaft des Werts befreit. Soweit die Marx'sche Verelendungs- bzw. Revolutionstheorie. Dabei hat Marx offenkundig die identitätsstiftende Macht der Warenform und die Präformierung des durch die Kapitallogik hergestellten Interesses unterschätzt. Statt um Aufhebung der abstrakten Reichtumsproduktion ging es der Arbeiterbewegung viel eher um Teilhabe. Die gerechtere Verteilung des Mehrwerts war der Emanzipationshorizont der Arbeiterbewegung, nicht die Abschaffung der Wert-Produktion als solcher. So wurde die Kritik der abstrakten Reichtumsproduktion, wie sie bei Marx angelegt war, entweder als abstrakte Forderung auf den Sankt-Nimmerleins-Tag verschoben oder gleich in Gänze ausgeblendet. So konstatiert die Wertkritik, dass das Kapital aus sich heraus zwar notwendig soziale Krisen produziert, dass diese aber mit Notwendigkeit zu einer Überwindung des Verhältnisses führen, davon kann keine Rede sein.
Es gebe natürlich eine gänzlich andere Form der sozialen Krise für das Kapital. Sie bestünde in der bewussten Abschaffung der abstrakten Reichtumsproduktion, d.h. der Aufhebung der Waren- und Geldlogik durch die bewusste Aneignung und naturalförmige Organisation der stofflichen Reichtumsproduktion. Diese stellt sich jedoch nicht in einem quasi-naturgesetzlichen Prozess her. Emanzipation ist kein Automatismus.
Schon anders stellt sich die Situation im Hinblick auf eine mögliche ökologische bzw. natürliche Schranke der Kapitalakkumulation dar. Im Wesen der abstrakten Reichtumsproduktion liegt nämlich nicht nur begründet, dass sie blind und strukturell rücksichtslos gegen soziale und ökologische Kriterien und Qualitäten ist; auch in quantitativer Hinsicht ist sie strukturell rücksichtslos, insofern sie kein Maß kennt. Anders als es die diversen Spielarten der Zinskritik behaupten (die derzeit Konjunktur feiern6), liegt bereits in der Formel des produktiven Kapitals (G-W-G') das ganze Geheimnis des systemischen Wachstumszwangs begründet – aus Geld mehr Geld zu machen. Der Systemzwang zur unendlichen Geldvermehrung steht logisch im Widerspruch zur Endlichkeit der natürlichen Ressourcen.
Ideologisch kann diese natürliche Schranke des Kapitals jedoch durch die diversen Vorstellungen von einem Green Deal bzw. grünen Kapitalismus abgewehrt werden in der Hoffnung, so schlimm werde der Klimawandel nicht und die erschöpften fossilen Brennstoffe fänden in den solaren Energien eine adäquaten Ersatz. Gleichwohl ist schwer einzuschätzen, wann die natürlichen Rahmenbedingungen der Kapitalakkumulation so nachhaltig vernutzt oder zerstört sind, dass eine Kapitalakkumulation nicht mehr möglich ist.
Diese krisentheoretischen Überlegungen betreffen jedoch allein die externen sozialen und natürlichen Rahmenbedingungen der Kapitalakkumulation. Zumindest im Umfeld einer radikalen Linken dürften diese Überlegungen noch weitgehend konsensfähig sein. Die wertkritische Krisentheorie geht jedoch noch einen Schritt weiter. Sie behauptet ja, dass das Kapital selbst seine innere Schranke sei, was meint, dass das Kapital eine innere Tendenz zur Selbstzerstörung besitzt. Erst im Kontext einer Krisentheorie des Kapitals selbst offenbart sich die Haltlosigkeit von Vorstellungen sozialer und ökologischer Regulation des Kapitalismus. Ich werde nun grob die wesentlichen Grundzüge der wertkritischen Krisentheorie, soweit sie das Kapitalverhältnis selbst betreffen, nachzeichnen.

Die innere Schranke des Kapitals

Der alles entscheidende Ausgangspunkt einer Krisentheorie des Kapitals ist, dass Arbeit die einzige Quelle der abstrakten Reichtumsproduktion darstellt. Weil dieser Punkt von elementarer Bedeutung ist – mit ihm steht oder fällt eine jede Krisentheorie des Kapitals, muss hierauf etwas näher eingegangen werden.
Wenn eingangs von abstrakter Reichtumsproduktion bzw. Wert-Verwertung die Rede war, dann ist jetzt näher auf die Frage einzugehen, was der Wert eigentlich ist und wie er überhaupt produziert werden kann. Phänomenologisch drückt der Wert einer Ware eine Äquivalenzbeziehung aus. 10 Flaschen Bier = 1 Schachtel Zigaretten; 10 Ware x = 1 Ware y. Was heißt aber „ist gleich“? Betrachten wir Bier und Zigaretten ihre äußeren Gestalt nach, so sind sie ebenso wenig gleich wie im Hinblick auf ihren Gebrauch. Ihrer sinnlichen, konkret-stofflichen Gestalt nach sind zu tauschende Waren unterschiedlich. Doch in der Äquivalenzbeziehung des Tausches verschwindet diese Unterschiedlichkeit, die Waren gelten nur noch gleichviel. Gleichviel aber wovon? Worauf bezieht sich der Ausdruck, eine bestimmte Menge der Ware X sei gleich einer bestimmten Menge Ware Y? Die konkret-stoffliche Gestalt der Waren kann es nicht sein, denn diese ist nicht gleich und damit auch nicht vergleichbar. Eine Gleichheit der Waren kann offenbar nur gewonnen werden, wenn von dieser stofflich-konkreten Gestalt abstrahiert wird. Vollziehen wir diese Abstraktion, dann wird offenbar, dass Waren Arbeitsprodukte sind; darin besteht ihre Identität. Im Tausch gelten Waren objektiv nur noch als Vergegenständlichung von Arbeiten, die produktiven Tätigkeiten der Warenbesitzer werden gleich gesetzt. Doch damit verwandelt sich auch die produktiven Tätigkeiten. Denn die Tätigkeit des Bierbrauens ist grundverschieden zu der des Tabakanbaus. Durch die Äquivalenzbeziehung des Tausches wird also auch von der Unterschiedlichkeit der konkreten Produktionstätigkeiten abstrahiert. Abstrahieren wir aber von den konkreten Tätigkeiten, so gelangen wir zum Begriff der abstrakten Arbeit, der nur noch die Verausgabung menschlicher Energie ausdrückt. Es ist nun diese verausgabte menschliche Energie bzw. abstrakte Arbeit, die nach Marx und Wertkritik, Wert bildet.
Der rastlose Prozess der abstrakten Reichtumsproduktion der Wert-Verwertung hat also die Verausgabung abstrakter Arbeit zur Grundlage. Abstrakte Arbeit bildet Wert, der wiederum eine erweiterte Verausgabung abstrakter Arbeit verlangt. Tote Arbeit bzw. vergegenständlichter Wert wendet lebendige Arbeit an. Nichts anderes besagt die Formel des Kapitals G-W-G'. Arbeit ist also nicht – wie der Traditionsmarxismus behauptete – das Gegenprinzip zum Kapital, sondern dessen innerstes Wesen, seine Substanz.
In krisentheoretischer Hinsicht ist nun festzuhalten, dass Wachstumszwang und Konkurrenz der Einzelkapitale es erfordern, dass die Produktivkräfte in einem ungeheuren Ausmaß revolutioniert und gesteigert werden. Gesteigerte Produktivkraft bedeutet ja bekanntlich, dass weniger Arbeitskraft pro einzelner Ware aufgewendet werden muss. Weniger angewendete Arbeitskraft heißt weniger vergegenständlichter Wert. Einfach ausgedrückt: Die Waren sind billiger als die der Konkurrenz. Ein Einzelkapital, das eine neue produktivtätssteigernde Technologie einzusetzen vermag, setzt die Konkurrenz somit unter Druck und zwingt zur Verallgemeinerung der neuen Produktivkraft steigernden Technologie. Damit ist ein permanenter innerer Zwang der Einzelkapitale angezeigt, Arbeitskraft bzw. die Anwendung lebendiger Arbeit aus dem Produktionsprozess zu verdrängen. Gleichzeitig ist aber Arbeit – wie oben dargestellt – die einzige Quelle des Werts. Es ist so, als würde das Kapital permanent an dem Ast sägen, auf dem es sitzt. Damit das Kapital als Gesamtverhältnis nicht untergeht, muss es die permanente Verdrängung der Wertquelle durch die Ausweitung der Produktion überkompensieren. So hat die Fließbandproduktion Henry Fords die pro Auto benötigte Arbeit derart reduziert, dass das Auto durch Verbilligung zu einem Massenkonsum-Artikel wurde; indem aber der ehemalige Luxuskonsumartikel zu einem Gegenstand des Massenkonsums wurde, war eine enorme Ausweitung der Produktion möglich, die den Schwund der pro Auto vergegenständlichten Arbeit durch Steigerung der insgesamt angewendeten Arbeitskräfte bzw. Arbeit absolut überkompensieren konnte. Marx nennt diesen Prozess, in dem immer mehr tote Arbeit (vergegenständlicht in der Wertmasse hochproduktiver Technologien) immer weniger lebendige Arbeit verwertet, das Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate. Fälschlicherweise wird mit diesem Prozess oft die wertkritische Krisentheorie assoziiert. Doch wie bereits der Begriff tendenziell andeutet, ist dieser Fall der Profitrate nur eine Tendenz, der diverse Faktoren entgegenwirken können. Solche Faktoren können die absolute Ausdehnung der Produktion im Kontext eines Massenkonsums (wie im Fordismus), die territoriale Ausdehnung und Eroberung neuer Märkte (Protektionismus oder Imperialismus) oder die Schaffung völlig neuer Produkte sein. In all diesen Fällen wird das Sinken der Profitrate durch die Ausdehnung der Profitmasse mehr als ausgeglichen. Erst wenn solche kompensatorischen Faktoren nicht mehr greifen, entsteht eine Situation, in der der Profitratenfall in einen absoluten Fall der Profitmasse übergeht. Wann ein solcher Fall genau eintritt, ist mit Sicherheit nicht bestimmbar, denn die grundlegenden Formen der abstrakten Reichtumsproduktion (abstrakte Arbeit und Wert) sind keine empirischen Größen; sie sind also nicht messbar. Gleichwohl spricht aus Sicht der Wertkritik einiges dafür, dass mit der dritten industriellen Revolution bzw. der mikroelektronischen Revolution der Kapitalismus in ein Stadium eingetreten ist, in dem die Produktivkraftentwicklung eine derartige Verdrängung der wertbildenden Arbeitssubstanz etabliert hat, die nicht mehr durch Produktinnovationen und ähnliche Kompensationseffekte ausgeglichen werden kann. Für diese These sprechen die strukturelle Massenarbeitslosigkeit in den Gewinnerzonen des Weltmarktes seit den 80er Jahren, der enorme Anstieg der Staatsverschuldung, die tendenzielle Verschiebung vom alten, kolonialen Eroberungsimperialismus hin zum Sicherheits- und Ausgrenzungsimperialismus und die – auch in diesem Zeitraum stattfindende – Aufblähung der Finanzmärkte. Sollte die wertkritischen Überlegungen zur Krisendynamik des produktiven Kapital zutreffend sein, dann ist der Beginn des Krisenprozesses nicht 2007 oder 2008 zu verorten, sondern bereits in den 80er Jahren. Überhaupt ist darauf hinzuweisen, dass die Rede von Krise und Zusammenbruch des Waren produzierenden Systems keinen postmodernen Event meint, keinen punktförmigen Showdown, sondern einen längeren Prozess des schrittweisen Verfalls, der durch Krisenschübe, zeitweilige Erholungen und das Nebeneinander-Bestehen unterschiedlicher Phasen von offenem Notstand und mehr oder weniger moderateren Formen der Krisenverwaltung begleitet wird. Ein wesentlicher Aspekt, der die Verlaufsformen einer durch die Verwertungsimpotenz des produktiven Kapitals befeuerten Krisendynamik beeinflusst, ist der Prozess der Virtualisierung bzw. Fiktionalisierung des Werts. Dieser Prozess ist nicht dem oben beschriebenen Prozess zuzurechnen, bei dem der tendenzielle Fall der Profitrate durch die absolute Ausdehnung der Profitmasse überkompensiert wird. Was sich hier nämlich tatsächlich ausdehnt, ist nicht eine tatsächliche massenhafte Anwendung abstrakter Arbeit, sondern die „Produktion“ eines fiktiven Werts. Was als kasinokapitalistischer Boom von den Apologeten des Systems gefeiert wurde, ist also in wertkritischer Lesart nichts weiter als der Ausdruck einer tiefgreifenden Systemkrise.

Die Fiktionalisierung des Werts als Ausdruck der realen Verwertungskrise

In Zeiten struktureller Überkapazitäten in der Produktion und gesättigter Märkte (zumindest im Sinne einer kaufkräftigen Nachfrage) bieten die Finanzmärkte den Einzelkapitalen, die ihre Gewinne nicht mehr gewinnbringend in den produktiven Sektor anlegen können, eine alternative Anlagemöglichkeit.7 Produzierte Mehrwert wandert in Geldform an die Finanzmärkte und verwandelt sich in Kredit. Worum geht es beim Kredit? Betrachten wir seine Grundform, so stellt er sich als die Bewegung G-G' dar, Geld wird verliehen und kehrt als mehr Geld wieder zurück. Was zunächst nach dem endgültigen Autonom-Werden der abstrakten Reichtumsproduktion ausschaut, insofern der Umweg über die lästige Warenproduktion entfällt, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als eine bloße Sinnestäuschung. Denn tatsächlich bleibt der Kredit (G-G') mit der Bewegung des produktiven Kapitals (G-W-G') verzahnt, weil das mehr an Geld letztlich durch den Kreditnehmer wertmäßig produziert werden muss (G- G-W-G' -G'). Die tatsächliche Abhängigkeit von produktiven und fiktiven Kapital wird insbesondere im Moment der Krise sichtbar, wenn das kreditnehmende Einzelkapital in der Wert-Produktion scheitert und weder Zins noch Kredit zurückzahlen kann. So macht sich schließlich geltend, dass 1.) eine Wertschöpfung aus dem Nichts illusorisch ist und 2.) dass das eigentliche Problem nicht im Kredit und seinen Fiktionalisierungen besteht (wie von der gängigen, mit strukturell-antisemitischen Untertönen versetzten Finanzmarkt- und Spekulantenschelte behauptet wird), sondern in der Verwertungsimpotenz des produktiven Kapitals selbst. Marx schreibt in diesem Sinn: „Wenn Spekulation gegen Ende einer bestimmten Handelsperiode als unmittelbarer Vorläufer des Zusammenbruchs auftritt, sollte man nicht vergessen, daß die Spekulation selbst in den vorausgehenden Phasen der Periode erzeugt worden ist und daher selbst ein Resultat und eine Erscheinung und nicht den letzten Grund und das Wesen darstellt. Die politischen Ökonomen, die vorgeben, die regelmäßigen Zuckungen von Industrie und Handel durch Spekulation zu erklären, ähneln der jetzt ausgestorbenen Schule von Naturphilosophen, die das Fieber als den wahren Grund aller Krankheiten ansehen.”8
Allerdings liegt es im Wesen des Kreditsystems, die Stunde der Wahrheit über die reale Verwertungsimpotenz des produktiven Kapitals zeitlich hinausschieben zu können. Dies gilt bereits für den einfachen Kredit mit seinen Laufzeiten, wie für Kreditketten (in denen Kredite durch Kredite bedient werden) bis hin zu den mannigfaltigen Formen der Spekulation. So wirkt der Kredit und seine Derivate krisenaufschiebend. Außerdem kann der Kredit als künstliche Nachfrage auftreten und so die verschwundene Nachfrage der aus dem Verwertungsprozess wegrationalisierten Arbeitskraft-Besitzer teilweise kompensieren. Die Immobilienblase in den USA am Vorabend der Krise war genau ein solches Szenario. Die amerikanischen Häus'l-Besitzer bekamen auf ihre Häuser günstige Kredite, die vor allem in den Konsum eingingen. Das Phänomen spielte sich in einer Größenordnung ab, die die USA zum Konsumenten der globalen Überproduktion werden ließ. Das US-amerikanische Handelbilanzdefizit spricht in dieser Hinsicht Bände. Doch wie bei jedem Kredit ist irgendwann Zahltag, d.h. es muss sich erweisen, ob dem Kredit eine entsprechende reale Wertschöpfung gegenübersteht. Wenn dies nicht der Fall ist, erweist sich die Grundformel des Kredits G-G' real als das, was sie potenziell schon immer war: als eine Fiktionalisierung des Werts. Schlagartig wird die abstrakte Reichtumsproduktion auf ihre Bedingungen zurückgeworfen, d.h. auf die Krise des produktiven Kapitals und dessen schwindende Potenz, abstrakte Arbeit wertproduktiv anwenden zu können.

Von der Finanzmarktkrise zu Staatsschuldenkrise

Um den Systemkollaps zu vermeiden, sprang nun der Staat ein, der den Durchschlag der Krise zu verhindern suchte, indem er ein Großteil der Krisenpotenz in sich aufnahm. Dies geschah u.a. durch staatliche Konjunkturprogramme (Stichwort: Abwrackprämie), die das schlagartige Wegfallen der kreditfinanzierten Nachfrage teilweise abfangen sollten, und durch die Übernahme der wertlosen Kredittitel durch quasi-staatliche bad banks. Die ohnehin hohe Staatsverschuldung, die durch die allgemeinen Rahmenbedingungen der Kapitalakkumulation seit dem Fordismus anfällt, transformiert sich nun zu einer manifesten Staatsschuldenkrise. Da die Staaten wiederum als Kreditnehmer auf den Finanzmärkten in einer Nachfragekonkurrenz zueinander stehen, bricht sich die Staatsschuldenkrise in denjenigen Staaten zuerst brachial Bahn, deren reale Wertschöpfungspotenz ohnehin am geringsten ist – im Kontext der EU ist dies vor allem Griechenland, aber auch Portugal, Spanien, Irland und Italien gelten als weitere Wackelkandidaten. Die Differenzen in der realen Wertschöpfungspotenz der jeweiligen Nationalökonomie sind primär das Ergebnis der Standortkonkurrenz, die im Kern darin besteht, unter geringst möglicher Vernutzung der Ware Arbeitskraft einen größtmöglichen Warenoutput herzustellen, um damit den Absatz der Konkurrenz an die Wand zu fahren. Dass Deutschland hierbei als Exportweltmeister besonders erfolgreich war, lädt ähnlich zum Brechen ein, wie die unsägliche Rede von den faulen, korrupten und misswirtschaftenden Griechen, dem deutschen Technokraten erst einmal die Flötentöne einer strengen Haushaltsdisziplin und richtigen Arbeitsmoral beibringen müssten. Dem deutschen Chauvinismus steht dabei bereits die nackte Angst ins Gesicht geschrieben, dass die Verlierer im Rentabilitätswettbewerb das Boot der relativen Krisengewinnler zum Absaufen bringen könnten. Tatsächlich ist aber auch deren Kahn Leck geschlagen. Die exponentiell wachsende deutsche Staatsverschuldung seit den 60er Jahren spricht der Sparsamkeitsrethorik Hohn, die man den Weltmarktloosern jetzt als heilende Rosskur aufzwingt. Keine schwäbische Hausfrau9 der Welt kann das Prinzip der Kapitalverwertung und ihrer immanenten Krisendynamik dauerhaft außer Kraft setzen – auch nicht in der BRD.
Es bahnt sich bereits an, dass sich das Krisenpotential, das in den Widersprüchen der Kapitalakkumulation seinen Ausgangspunkt nahm, von hier aus sich auf die Finanzmärkte übertrug, um sich dann zu einer Staatsschuldenkrise transformierte, schließlich in einer Krise des Zentralmediums der abstrakten Reichtumsproduktion selbst entladen wird: Im Geld. Das Wettrennen der abstrakten Reichtumsproduktion wird am Ende keinen Sieger kennen.
Vor dem Hintergrund dieser krisentheoretischen Überlegungen, die hier nur grob und deskriptiv umrissen wurden, stellt sich die Dringlichkeit und Ausrichtung einer Emanzipationsperspektive auf ganz spezifische Art. Demnach gilt es, sich von der Herrschaft der abstrakten Reichtumsproduktion mit ihren Grundformen von abstrakter Arbeit und Wert zu emanzipieren. Doch unglücklicherweise sind abstrakte Arbeit und Wert keine Gegenstände irgendwo da draußen, sondern durch uns gesellschaftlich konstituiert. Sie stellen die Art und Weise dar, wie wir uns gesellschaftlich vermitteln. Arbeiten gehen, Geld verdienen, kaufen und verkaufen sind keine bloß äußerlichen Handlungen, sie bestimmen in vielerlei Hinsicht unser Denken und Fühlen; ja, sie sind uns zur zweiten Haut geworden. Robert Kurz formulierte das daraus erwachsende Dilemma einmal so: „Die Passagiere der Titanic wollen an Deck bleiben, und die Kapelle soll weiterspielen.“10 Dieses Phänomen spiegelt sich in dramatischer Weise auch und gerade in den Protestbewegungen wieder, die nur selten mit ihren programmatischen Entwürfen die bürgerlichen Vergesellschaftungsformen in den Fokus bekommen. Solange sich keine emanzipatorische Kraft formiert, die die Abschaffung einer Vergesellschaftung über den Wert theoretisch wie praktisch ernsthaft in den Blick nimmt, muss konstatiert werden, dass wir die Produzenten der Krise, dass wir die Krise sind.


Fußnoten
1http://www.krisis.org/2000/neues-vom-weltuntergang, Stand: 29.03.2012.
2Betrachtet man das marxistische Diskursfeld, so steht Michael Heinrich und andere Vertreter der Neuen Marxlektüre insofern der Wertkritik relativ nahe, als dort die Kategorie des Werts in das Zentrum der Marx-Exegese gerückt wird. Dabei sind jedoch Unterschiede der Wert-Bestimmung zu beachten
3Als ein letztes unrühmliches Beispiel dieser Ohnmacht kann Wolfgang Pohrt, ehemals hoffnungsvolle Theorieepigone der kritischen Theorie, betrachtet werden. Sein neuestes Buch „Kapitalismus forever“ ist eine aggressives Plädoyer für die Anerkennung der Allmacht des Kapitals.
4Die Argumentation ist einigermaßen Komplex und der Teufel steckt wie immer im Detail; um dies zu illustrieren, sei auf die theoretischen Entwürfe von Michael Heinrich und Robert Kurz verwiesen, die beide sich in ihrer Kapitalismuskritik zentral auf die Kategorie des Werts beziehen. Die von ihnen vorgenommenen kategorialen Bestimmungsunterschiede erscheinen von weitem betrachtet marginal, doch sind sie so folgenschwer, dass sich für den Einen einen fundamentale Krisentheorie geradezu verbietet, während sie für den Anderen zwangsläufig ist.
5Diese Intensivierung bzw. Verdichtung der Arbeit hat vielerlei Gesichter und steht im schreienden Kontrast zu Massenarbeitslosigkeit. Ihre schrillste Ausformung ist bekanntlich der Tod durch Arbeit, ein Phänomen, das in Japan so weit verbreitet ist, dass es mit einen eigenen Begriff belegt wurde: Karoshi. Bekannter dürften jedoch hierzulande die Selbstmorde beim iPad-Zulieferer Foxconn oder die Selbstmordserie in der französischen Telekom sein.
6Vor der Krise wären Geldpfuschertheorien, wie die von Silvio Gesell vom akademischen Mainstream als auch von den seriösen bürgerlichen Medien wahrscheinlich noch des Obskurantismus geziehen und links liegen gelassen worden. Im Kontext der Krise und der Erschütterung der neoklassischen Paradigmen sucht das bürgerliche Bewusstsein verzweifelt nach Interpretationsmustern, die über eine Regulation des Geldes den Kapitalismus zu retten gedenken. Die Palette reicht dabei vom Vollgeld-Entwürfen bis zum Klassiker der Zinskritik. Ein Beispiel für die Renaissance des ökonomischen Obskurantismus im bürgerlichen Bewusstsein ist das Interview mit dem Wirtschaftswissenschaftler Werner Onken in der Zeit „Geld muss rosten!“, http://www.zeit.de/2012/12/Interview-Onken, Stand: 20.03.2012.
7Hätte es diese Möglichkeit nicht gegeben, wäre der Kapitalismus mit Sicherheit bereits in den 80ern massiven Krisenschüben unterworfen gewesen.
8Karl Marx, MEW 12, S. 336 f.
9http://de.euronews.com/2011/10/28/merkel-ruft-jahre-der-schwaebischen-hausfrau-aus/, Stand: 29.03.2012.
10Robert Kurz: Der Kollaps der Modernisierung, S. 297.

Samstag, 5. September 2009

Über die Unmöglichkeit, Gutes zu tun und Schlechtes zu lassen

"Gutes tun, Gutes tun,
Gutes tun ist gar nicht schwer.
Man kann soviel Gutes tun
zu Hause und im Kreisverkehr"1
Funny van Dannen

Über die Unmöglichkeit, Gutes zu tun und Schlechtes zu lassen

Essay über Finanzmarktkrise, Spekulantenschelte und Grenzen der Moralität
Christian Höner
Es gibt kaum ein aktuelleres und dankbareres Thema, dass sich als Dauerbrenner für die Problematik von Schuld und Verantwortung im gesellschaftlichen Maßstab anbieten würde als die Finanzkrise und ihre vermeintlichen Akteure - die so genannten Spekulanten. In keinem anderen Berufszweig scheinen sich die Fragen richtigen bzw. falschen moralischen Handels so zwingend zu stellen wie hier, nirgendwo prallen moralischer Idealismus und gesellschaftliche Wirklichkeit so scharf aufeinan­der und nirgendwo treten die Grenzen und das Scheitern von Moralität deutlicher hervor als bei den Yuppies von der Börse. Die besonderen moralischen Ansprüche, die an diesen Berufsstand angelegt werden, dürften zunächst einmal damit zu tun haben, dass die gesellschaftlichen Konsequenzen dererlei Finanzgeschäfte eine enorme Reichweite besitzen. Nach dem Platzen der Immobilienblase 2008 -und dem vermeintlichen Versagen der Finanzmarktakteure- steht die globale Ökonomie vor einer ihrer schwersten Krisen, wenn nicht gar vor einem Abgrund.
Aber es sind nicht nur die globalen Folgewirkungen, die den Berufsstand des Bänkers bzw. Hedge­fonds-Managers ins Blickfeld der Betrachtung rücken. Es ist vielmehr das, wofür die Charaktermaske des Finanzkapitalisten steht -um eine Marx'sche Begrifflichkeit ins Spiel zu bringen- bzw. wofür sie gehalten wird; es geht um eine Verdichtung von moralischen Ansprüchen an dieser Figur, die sich nicht nur aus den Folgekosten ihren Treibens ergeben. Vielmehr erscheint die Gestalt des Börsenmak­lers als das Mensch gewordene Substrat einer Veranstaltung, die als Kapitalismus letzthin in Verruf geraten ist. In dieser Gestalt bündeln sich dessen Attribute und finden ungeschönte Ausstellung: geld- und profitgierig, ideallos, materiell orientiert, zynisch, kühl kalkulierend, über Leichen gehend. Als Verkörperung dieser Werte galt der Börsianer schon vor der Krise als zumindest im moralischen Sinn anstößig. Popkulturell ist der Börsianer von Hollywood bereits in der Boom-Phase des Yuppie­tums Mitte der 80er Jahre aufgegriffen und bearbeitet worden - also weit vor jeder ernstzunehmen­den Krise. In dem Oliver Stone-Film "Wall Street" begegnen wir der idealtypischen Personifikation eines skrupellosen Börsenmaklers, kongenial dargestellt von Michael Douglas. Er bildet mit seiner Figur des Milliardärs Gordon Gekko das böse Zentrum des Filmes, wenn man so will das Herz der Finsternis, in das sich der Kapitalismus zurückgezogen hat, bevor er der Welt der sozialen Marktwirt­schaft Platz machen musste2. Kapitalismus -so lehrt uns der Film- ist keine totalitäre gesellschaftliche Formation, sondern eine Charaktereigenschaft, eine Untiefe der Seele. Das Unmoralische liegt im Verborgenen. Stone nimmt uns also mit auf eine Odyssee der Moral und sein Odysseus heißt Bud Fox, gespielt von Charlie Sheen. Fox ist zunächst ein leidlich erfolgreicher Börsenmakler in einer drittklassischen Finanzmarktbude. Seine Mittelmäßigkeit reicht hin, um uns mit ihm identifizieren zu können. Erst der Sirenengesang des plötzlichen Erfolgs ent- bzw. verführt uns mit ihm in die Welt des Glamours, des unbegrenzten Luxus, der tollen Autos und der befriedigenden Sexualpartner, kurz: der falschen Götter bzw. der falschen Werte. Sie werden uns vorgestellt als Scheinwelt, hinter deren glitzernder Fassade die blanke Gier steckt. Diese Gier kennt keine Grenzen, vor allem keine morali­schen. Und so kommt, was kommen muss: Die heile Welt der sozialen Marktwirtschaft, repräsentiert durch eine Firma, in der Fox' Vater tagtäglich 'ehrliche Arbeit' verrichtet, wird zum Spielball des skrupellosen Finanzmagnaten. Fox sieht sich nun vor eine Wahl gestellt, die bekanntlich die Voraus­setzung einer jeder Moralität ist. Also endet der Film mit einer Fahrt zum Gericht, wo Schuld und Verantwortung zueinander finden sollen. Dass sich der Film mehr um die Figur des skrupellosen Börsenmaklers dreht als um die von ihm produzierten sozialen und ökonomischen Folgekosten, die im Film nur angedeutet werden, verweist darauf, dass zur damaligen Zeit Oliver Stone als auch das Publikum nur an Fragen der Moralität interessiert waren. Klar, die aufstrebenden Yuppies nervten mit ihrer unverhohlenen Oberflächlichkeit. Ihnen sollte der moralische Stinkefinger gezeigt werden. Dass sie aber das ganze System in die Scheiße reiten würden, daran hätte doch im Ernst niemand geglaubt.
Das war vor dem Millenium. Die casinokapitalistische Virtualität, gleichwohl soziale Wirklichkeit der 80er und 90er Jahre, wurde schlagartig geerdet. Was blieb, war der Katzenjammer und die morali­sche Perspektive. Nur verschärfte sich deren Ton: das ehemals moralisch nur Anstößige wurde nun offenkundige Schuld. Entsprechend einhellig wogt die Empörung um den Globus und durch das deutsche Ländle. Rechte und linke Parteien klagen die Übeltäter an und wissen sich eins mit dem gesunden Menschenverstand; ja, selbst die Liberalen sehen die schwarzen Schafe der Branche am Werk. Gäbe es keine Verantwortlichen, sie müssten erfunden werden.
Es muss geradezu am Subjekt liegen, sei es im individuellen oder im kollektiven Sinne. Nur in der Subjektform kann der Vorwurf der Schuld greifen, kann Moralität eingefordert werden. Wie sollte es auch anders sein? Dass etwas Objektives schuld sein könnte, ist fürwahr eine gewagte Vorstellung. Wenn ein Flugzeug abstürzt, ist dann die Schwerkraft schuld? Sicher nicht, zumindest nicht in einem moralischen Sinn. Und wie wollte man sie verantwortlich machen? Nein, Schuld und Verantwortung hängen am Begriff des Subjekts, sie sind miteinander verwachsen.
Es ist dasselbe Denken, das von einer kategorialen Unschuld des Objektes ausgeht und meint, eine Vorderschaftsrepetierflinte sei ein schnöder Gegenstand, so wie z.B. ein Käsekuchen und nur der subjektive Finger, der abdrücke, könne zur Verantwortung gezogen werden.
In ähnlicher Weise stellt sich das Problem bezüglich der Finanzkrise dar. Geradezu reflexhaft wird nach den Schuldigen, nach den Verantwortlichen Ausschau gehalten, die man eben zur Verantwor­tung ziehen kann; es muss sie ja geben. Es kann, nein, es darf nicht an der Struktur, an objektiven Gründen liegen; undenkbar, dass die zur Quasi-Objektivität geronnenen gesellschaftlichen Formen von Ware und Geld Schuld am Desaster sein könnten. Irgendjemand muss doch irgendetwas falsch gemacht haben, irgendjemand hat sich daneben benommen. Um die Schuldigen dingfest zu machen, schrecken deutsche Finanzminister noch nicht einmal davor zurück, mit Karl Marx einen einstmals zum toten Hund Erklärten als Kronzeugen vorzuführen. Marx, der am Kapitalismus und seinen Freunden kaum ein gutes Haar gelassen hat, scheint sich als Ankläger geradezu anzubieten. Wer es jedoch genauer wissen will und bei Marx nachschlägt, wird (zumindest in dieser Beziehung) eine herbe Enttäuschung erleben. Denn bereits in der Einleitung seines Hauptwerkes "Das Kapital" verkündet Marx:
"Zur Vermeidung möglicher Mißverständnisse ein Wort. Die Gestalten von Kapitalist und Grundeigentümer zeichne ich keineswegs in einem rosigen Licht. Aber es handelt sich hier um die Personen nur, soweit sie die Personifikation ökonomischer Kategorien sind [...] Weniger als jeder andere kann mein Standpunkt, der die Entwicklung der ökonomischen Gesellschaftsformation als einen naturgeschichtlichen Prozeß auffaßt, den einzelnen verant­wortlich machen für Verhältnisse, deren Geschöpf er sozial bleibt, sosehr er sich auch subjek­tiv über sie erheben mag."3
Kapitalismus heißt für Marx offenbar nicht dasselbe wie für Oliver Stone. War Kapitalismus für letzteren eine subjektive Charakterschwäche, so ist er für Marx ein besonderes gesellschaftliches Ver­hältnis und die Subjekte sind Kreaturen dieses Verhältnisses. Schon auf dieser grundsätzlichen Ebene deutet sich ein moralphilosophisches Dilemma an: Wie soll eine Moralität greifen können, wenn die Voraussetzung einer Autonomie der Subjekte, mit der sie operiert, nicht gegeben ist? Jede moderne Ethik steht und fällt mit dieser Autonomie. Wer nun denkt, Marx würde die Autonomie und das Subjekt einfach durchstreichen, liegt jedoch daneben. Marx zeigt vielmehr, dass die Autonomie des Subjekts eine gesellschaftlich gemachte und damit Bedingungen unterworfen ist. Es ist die Crux aller Moralphilosophie, dass sie von diesen gesellschaftlichen Bedingungen nichts weiß oder nichts wissen will. Viel lieber schneidet sie Personen und Handlungen aus Kontexten aus, um die Bedingungen durchzustreichen, die das autonome Subjekt als Moralträger überhaupt erst herstellen.
Kann bereits auf dieser grundlegenden Ebene ein Moraldiskurs nicht greifen, so wird er hinsicht­lich der Ursachenbestimmung von Spekulationskrisen völlig absurd. Im dritten Band des Kapitals, der sich mit dem zinstragenden und fiktiven Kapital beschäftigt, entwickelt Marx nämlich eine Perspektive auf das Problem der Finanzmarktkrise, die den gängigen Erklärungsmustern diametral entgegen läuft. Nicht die Spekulation fiktiven Kapitals ist demnach die Ursprungsort des Crashs, sondern hat seine Ursache in den Widersprüchen der Produktion selber, ist also bereits im prozessie­renden Realkapital angelegt.
Wenn Spekulation gegen Ende einer bestimmten Handelsperiode als unmittelbarer Vorläufer des Zusammenbruchs (crash) auftritt, sollte man nicht vergessen, daß die Spekulation selbst in den vorausgehenden Phasen der Periode erzeugt worden ist und daher selbst ein Resultat und eine Erscheinung (accident) und nicht den letzten Grund und das Wesen (the final cause and the substance) darstellt. Die politischen Ökonomen, die vorgeben, die regelmäßigen Zuckungen (spasms) von Industrie und Handel durch Spekulation zu erklären, ähneln der jetzt ausgestorbenen Schule von Naturphilosophen, die das Fieber als den wahren Grund aller Krankheiten ansehen.”4
Es ließe sich von hier aus zeigen, dass die Aufblähung der Finanzmärkte seit den frühen 1980er Jahren eine Reaktion auf die angestauten Krisenpotentiale des fordistischen Produktionsregimes war, dass es weiterhin die ehrliche Arbeit selber ist, die die Krisen produziert und dass die Aufblähung der Finanzmärkte eine fiebrige Reaktionsform auf diese Krisen darstellt, die so zwar nicht überwun­den, jedoch aufgeschoben werden können. Eine dezidierte Darstellung dieser Problematik kann hier natürlich nicht geleistet werden. Sekundär soll zumindest darauf verwiesen werden, dass die gängige Spekulantenschelte ohne Marx als Kronzeugen auskommen muss. Die Frage der Schuld und Verant­wortung ließe sich mit Marx bezüglich der aktuellen Finanzmarktkrise nur beantworten, wenn wir die Grenzen der Moralphilosophie überschreiten würden und auch etwas Objektives zum Gegen­stand moralischen Urteils werden würde, nämlich die Quasi-Objektivierung der gesellschaftlichen Verkehrsformen von Arbeit, Ware und Geld. Die gelten dem bürgerlichen Denken jedoch als unbe­rührbar. Wenn einige Wirtschaftsethiker sich dem allgemeinen Konsens in Sachen Spekulantenschelte entgegengestellt haben, dann nur, um das Problem der Schuld und Verantwortung von einem Subjekt auf das andere zu verschieben - bis hin zur Konfusion.
"Deutschlands führender Wirtschaftsethiker Karl Homann hält die Finanzkrise in erster Linie für ein Systemproblem, nicht für ein Problem persönlichen Fehlverhaltens. »Ich warne vor dem Moralisieren«, sagte der Wissenschaftler von der Universität München im FTD-Inter­view. »Alle individuellen Kategorien wie Egoismus oder Gier führen in die Irre.« [...] Was jetzt als »Gier« gegeißelt werde, sei im System angelegt: »Unser ganzer Wohlstand beruht auf dem Gewinnstreben, auf dieser Gier. Sie können im Wettbewerb gar nicht anders, weil sonst der andere Sie übernimmt«, meint Homann."5
Soweit so gut. Man könnte fast meinen, Deutschlands führender Wirtschaftsethiker stünde unmittel­bar vor einer radikalen Systemkritik, die anhebt, die systemische Gier zu geißeln. Doch am Ende kennt die Ethik nur Subjekte. Diesem Dogma muss sich auch ein Karl Homann beugen. Das System mag Scheiße sein, wie es will, Kritik daran verbietet sich wie von selbst. Moralität muss von außen kommen, vom Subjekt, in diesem Fall vom Staat:
"Bei der schnelllebigen Finanzbranche müssten die Regulierungsbehörden dagegen täglich die Marktentwicklung beobachten und schädliche Produkte verbieten. Jedes halbe Jahr müssten die Regeln überprüft werden. »Ethik in der Wirtschaft ist heute primär ein Organisationspro­blem, kein individuelles Problem.«"6
Trägt der Staat zwar nicht die Schuld, so soll er doch die Verantwortung für die Regulierung und die Schulden tragen. Dass die Privatisierung der privat akkumulierten Schulden problematisch sein könnte, weiß auch Homann. Doch die Schuldfrage bleibt ungeklärt und so trägt er sie wie eine heiße Kartoffel, von der er nicht weiß, wohin. Alle Konsistenz nun fahren lassend, dementiert er sein eigenes Moralisierungsverbot:
"Die verantwortlichen Manager müssen verschwinden. Ihr Vermögen muss herangezogen werden, dann werden sie sich ihr Verhalten in Zukunft gut überlegen."7
Es sind wahrlich schwere Zeiten für Börsenmakler. Einerseits sollen sie den systemischen Imperati­ven folgen, weil diese unseren Wohlstand schaffen. Andererseits sollen sie es auf eine Art tun, die mit den systemischen Imperativen nicht vereinbar ist. Im Berufsstand des Börsenmakler wird dieser Widerspruch auf die Spitze getrieben. Die Logik der Gewinnmaximierung ist für alle produktiven Sparten ehernes Gesetz. Jeder Autobauer funktioniert nach diesem Prinzip. Doch nur der Börsianer scheint es in Reinform zu repräsentieren; er steht für die Logik des Ganzen8. Und gerade deswegen wird von ihm das Unmögliche eingeklagt. Sich-moralisch-verhalten unter diesen Bedingungen hieße aber, baden zu gehen, ohne sich nass zu machen.

1Funny van Dannen: Album "Clubsongs" (1995)
2Bekanntlich gilt für die postmoderne Welt, in der wir leben, Schein mehr als Sein. Insofern ist es nur konsequent, wenn auf die reale Bedrohung der "sozialen Marktwirtschaft" mit einer Image-Kampagne "Initiative neue soziale Marktwirtschaft" reagiert wird. (http://www.insm.de/)
3Karl Marx: MEW 23, S. 16
4Karl Marx: MEW 12, S. 336f.
5Karl Homann im Interview mit Jens Tardler: "Kategorien wie Gier führen nur in die Irre", in: Financial Times Deutschland, 14.10.2008
6Ebd.
7Ebd.
8Hierin liegt auch die Nähe der Spekulantenschelte zum strukturellen Antisemitismus.

Samstag, 15. August 2009

Die Ungeheuer der Vernunft


Essay über Gedankenexperimente als Ausdruck neuzeitlicher Vernunft
von Christian Höner

Es gibt eine berühmte Radierung des spanischen Künstlers Francisco de Goya, auf der ein schlafen­der Mann zu sehen ist. Er sitzt auf einem Stuhl, den Oberkörper in einer unbequemen Verrenkung auf einen seitlich stehenden Schreibtisch gelehnt, den Kopf auf die Arme gebettet. Doch hinter ihm erheben sich die Gestalten der Nacht, Monstrositäten und Schatten zu einer bedrohlichen Kulisse. Auf der dem Betrachter zugewandten Rückseite des Schreibtisches prangt in großen Lettern der Satz: „El sueño de la razón produce monstruos“ - „Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer“. Gemeinhin wird das Bild als Mahnung gelesen, die Vernunft dürfe nie ruhen, andernfalls würden die Geister des Irrationalismus geweckt. Es handelt sich hierbei um einen zentralen aufklärerischen Topos, der auch heute angesichts globaler Krisenphänomene und ihrer ideologischen Verarbeitungsmuster immer wieder bemüht wird. Trotz großer Fortschritte in Richtung Vernunft kranke die Welt an ihrer unzu­reichenden Durchsetzung. Immer wieder bedrohen Atavismen und Irrationalität eine mögliche vernünftige Welt. Inwieweit dieser Zustand jemals erreicht werden könne, darüber mag nach Jahr­hunderten der Aufstiegs- und Durchsetzungsgeschichte der Vernunft hier und da Ernüchterung eingekehrt sein; sie selber scheint davon ungetrübt im alten Glanze zu erstrahlen.
Doch ist die Vernunft tatsächlich so makellos? Immerhin bietet Goyas Bild auch eine andere Deu­tungsmöglichkeit: Vielleicht ist es gar nicht die Vernunft, die schläft? Vielleicht ist sie hellwach und es ist vielmehr der Mensch, der von ihr in den Schlaf gewogen wird. Demnach wäre es nicht die Abwe­senheit, nicht der Mangel an Vernunft, sondern ihre Omnipräsenz, der die angsteinflößenden Dämo­nen entsteigen.1
Wenn im Folgenden über Gedankenexperimente reflektiert werden soll, dann geschieht dies vor dem Hintergrund einer vernunftkritischen Perspektive. Wie bei Goyas Bild stellt sich die Frage, ob die Vernunft eine Potenz hat, aus sich heraus Ungeheuer zu gebären. Dies am Beispiel von Gedankenexperimenten zu zeigen, scheint womöglich etwas abwegig. Was soll an einem Experiment ungeheuerlich bzw. kritikabel sein, das unmittelbar keine materielle Gewalt annimmt, das weiterhin sich nur im Kopf einer Person abspielt, die zudem auch noch in der Lage ist, das Experiment jederzeit abzubrechen, sobald es ihr nicht mehr geheuer sein sollte? Tatsächlich geht es nicht darum, Gedankenexperimente generell zu verwerfen. Vielmehr werden Gedankenexperimente hier als Ausdruck einer historisch-spezifischen Vernunft vorgestellt, die etwas von deren ungeheuerlicher Potenz in sich widerspiegeln.
Wenn auf eine bedrohliche Dimension der Vernunft hingewiesen werden soll, auf angebliche Ungeheuer, die ihr entsteigen würden, dann müssen diese auch die Räume der gedanklichen Experi­mente durchstreifen. Sind doch Gedankenexperimente die Orte, an denen die Vernunft ihre Prämis­sen ungeniert setzen kann; hier stellt sie ihre Postulate auf, entwirft die Versuchsanordnungen nach ihrem Gutdünken und führt nach ihren Gesetzen die Experimente durch. Keine Empirie, die sich in den Experimenten störend geltend macht, trübt die Verfahren des reinen Geistes.
Bevor jedoch an einem Beispiel Gedankenexperimente als Ausdruck neuzeitlicher Vernunft vorge­stellt werden können, sind einige Anmerkungen bezüglich der Kategorie der Vernunft vonnöten: Denn es ist alles andere als selbstverständlich, dass diese Kategorie als historisch-spezifische Reflexi­onsform gefasst wird. Vorherrschend sind vielmehr Vorstellungen, die die Vernunft als das Denkver­mögen des Menschen schlechthin betrachten. Es ist insbesondere die neuzeitliche Philosophie, die dieser Vorstellung zum Durchbruch verholfen hat. Unter Berufung auf einen in der Natur des Men­schen angesiedelten Vernunftbegriff wendet sie sich gegen die als dogmatisch denunzierten religiösen Ordnungssysteme vormoderner Gesellschaften, namentlich gegen das europäische Mittelalter. Ihrem idealisierten Selbstverständnis nach will sie dem Menschen einen Weg aus seiner selbst verschulde­ten Unmündigkeit weisen. Doch führt diese angestrebte Mündigkeit nicht nur zu einer freiwilligen Unterwerfung unter das Gesetz der modernen Vernunft, was der hehren Mündigkeit doch einen gewissen schalen Beigeschmack verleiht, sondern auch zu dem Umstand, dass das weltliche System dieser Vernunft sich immer auf (welt)bürgerliche Ordnung reimt (von Kapitalismus zu reden, ist bekanntlich aus der Mode gekommen). Für die Aufklärung war also der Zusammenhang von Vernunft und bürgerlicher Gesellschaft evident, allerdings unter positivistisch-ontologischem Vorzeichen.
Diese Legitimation der bürgerlichen Gesellschaft und der ihr entsprechenden Vernunftform durch deren Verankerung in der menschlichen Natur ist nicht unwidersprochen geblieben. Entsprechende Positionen2 gehen davon aus, dass die moderne Vernunft eine historisch-spezifische Reflexionsform darstellt, die mit der Totalisierung der Warenform seit Beginn der Neuzeit auf das Engste zusammen­hängt. Der sich in dieser Zeit herausbildende warengesellschaftliche Zusammenhang beruht dem­nach auf einer Universalisierung der Waren- und Geldbeziehungen. Wie Marx analysiert hat, findet im Kern dieser Beziehungen eine eigentümliche Abstraktion statt, die nicht nur das Kunststück voll­bringt, sinnlich-konkrete Gegenstände auf ein abstraktes gemeinsames Drittes zu reduzieren, sondern diesem im Geld eine eigenständige, handgreifliche Gestalt zu geben. Im Kapital schließlich schwingt sich diese Abstraktion, die Marx den Wert nennt, zu einem selbstzweckhaften, weltumspannenden, ja weltsynthetisierenden Prozess auf. Es ist diese Abstraktion des Werts, die den Weltinhalt vermittelt, synthetisiert. Der inhaltsleeren Abstraktion des Werts steht eine Welt fragmentierten, variablen Inhalts gegenüber. Runtergebrochen auf das Alltagsbewusstsein erscheint diese Logik im Verhältnis des Geldes zu den Waren. Während letztere einen variablen Inhalt repräsentieren, kommt dem Geld die Funktion zu, den Inhalt zu verknüpfen. Reine Form auf der einen Seite und kontextloser Inhalt auf der anderen, das ist die Schablone des Denkens, wie es für die Moderne konstitutiv ist. Diese in tagtäglichen Operationen vollzogene Syntheseleistung (E. Bockelmann) ermöglicht und erfordert eine Revolution der Denkungsart. Die Entleerung des Geistes von jeglichem Inhalt, seine Reduktion auf eine inhaltsleere bzw. reine Vernunftsubstanz, ist ein Alleinstellungsmerkmal der modernen Ver­nunft3. René Descartes wird zurecht als einer der ersten philosophischen Repräsentanten dieses Denkens betrachtet, denn er vollzieht nicht nur radikal die Trennung von Geist (res cogitans) und Körper (res extensa), sondern eliminiert alle Inhalte konsequent aus dem Denken. Am Ende aller Zweifel steht bei Descartes die letzte Gewissheit einer denkenden Substanz, die sich nur noch ihrer Selbst sicher sein kann - bar jeden Inhalts.
Mit dem Gedankenexperiment „Das Gehirn im Tank“ werden diese Überlegungen Descartes' direkt aufgegriffen und in eine Frankenstein'sche Versuchsanordnung übersetzt: Ein Gehirn schwimmt in einem Bassin, das mit einer Nährlösung gefüllt ist. Mittels Elektroden werden dem Gehirn über neuronale Verbindungen elektromagnetische Impulse und Signale zugeführt. Der böse Geist, bei Descartes ein die Wahrnehmung manipulierender Demiurg, hat im Gedankenexperiment die Form eines verrückten Wissenschaftlers angenommen und füttert das Gehirn mit Sinneseindrücken einer Welt, die außer im Gehirn nirgendwo existiert. Gleichsam wie die bedrohlichen Schatten aus Goyas Radierung stellt sich für uns nun die ungeheuerliche Frage, woher wir eigentlich die Gewissheit nehmen können, dass nicht wir selbst es sind, die als Gehirne in irgendeinem Nährlösungsbecken unser Dasein fristen. Innerhalb der Philosophie ist es bis heute umstritten, ob hierauf eine wie auch immer geartete Antwort gegeben werden kann. Folgen wir Descartes' Vernunftbegriff, dann bleibt das „Gehirn im Tank“ eine mögliche Variante unserer Existenz. Der Mensch als Sinnenwesen erscheint im höchsten Maße frag- und misstrauenswürdig. Ein bisschen Trost – wie könnte es anders sein – finden wir in der Vernunft. Ob als „Gehirn im Tank“ oder als Student im Bachelor-Studiengang gefangen, uns bleibt die letzte Gewissheit der Vernunft, die sich zwar allem Inhalt in der Welt nicht mehr sicher sein kann, dafür aber ihrer selbst umso stärker gewiss ist.
Mit dem „Gehirn im Tank“ kommt in der Form eines Gedankenexperimentes das Moment einer modernen Form von Weltfremdheit bzw. Weltentfremdung zum Ausdruck, wie sie für die bürgerliche Subjektivität und deren Vernunftkern konstitutiv ist. Die Leere des Subjekts gründet in der Leere der Vernunft. Gleichwohl ist es diese Vernunft, mittels derer sich der moderne Mensch auf seinesgleichen und auf die Welt bezieht, also auf Inhalte, die ihm aber stets äußerlich und fremd bleiben. In der alten Welt war der Mensch noch eingeschrieben und eingebunden in einen religiösen Kosmos, in ein sinn­stiftendes System und dessen tradierte Werte (das hier keineswegs in einem rosigen Licht gemalt werden soll). Das bürgerliche Universium bricht mit dieser Welt radikal und tritt einen atemberau­benden Revolutionierungsprozess los, der permanent tradierte Bindungen sprengt und eine stete Neukonstruktion von Identitäten erfordert, ein Prozess, der sich soziologisch in den bekannten Atomisierungs- und Individualisierungsprozessen (U. Beck) niedergeschlagen hat. Das nunmehr in der von der Vernunft verwalteten Welt angekommene bürgerliche Subjekt sucht den Sinn, der ihm qua eigener Verfasstheit abhanden gekommen ist. So kommt der Glauben der alten Welt als Sinnsur­rogat zu neuen Ehren. Schon Kant wusste keine sinnvolle Begründung für sein System der Vernunft, weshalb er Gott, Unendlichkeit und Freiheit postulierte – als notwendige Annahmen, um an ihnen sein System der Vernunft aufzuhängen.
Das „Gehirn im Tank“ spiegelt also nicht nur eine erkenntnistheoretische Fragestellung wider, sondern auch die Unsicherheit einer Subjektivität, deren Weltinhalt und Weltbezug einer permanen­ten Erosion ausgesetzt ist. Es wundert daher nicht, wenn das hier behandelte philosophische Gedankenexperiment in modifizierter Form auch durch die Popkultur aufgegriffen worden ist. Mit „The Matrix“ (1999), „Öffne die Augen“ (1997) und dessen Hollywood-Remake „Vanilla Sky“ (2001) beschäftigen sich mehrere Filme zur Jahrtausendwende mit dem Gedanken einer virtuellen Realität und deren Entfremdungspotentialen, also genau zu der Zeit, als die Fiktionalisierung der globalen Ökonomie mit der Dotcom-Blase ihren Höhepunkt erreichte4. Während „Öffne die Augen“ bzw. „Vanilla Sky“ den Horror-Trip einer virtuellen Identität auf individueller Ebene durchdeklinieren, gehen die dystopischen Vorstellungen von „The Matrix“ einen Schritt weiter: Hier liegt gleich der größte Teil der menschlichen Gesellschaft in Nährlösungsbecken, die Gehirne zu einem gigantischen neuralen Netzwerk zusammengeschlossen, dessen virtuelle Welt, Matrix genannt, durch eigenständig agierende Computer generiert wird. Pikanterweise entspricht die virtuelle Welt der Matrix ziemlich genau der Welt, wie sie sich für uns alltäglich darstellt: Arbeiten gehen, Geld verdienen, Verträge abschließen und kündigen, kulturindustriell produzierte Freizeit genießen und die staatsbürgerlichen Rechte und Pflichten im Rahmen einer staatlichen Menschenverwaltung wahrnehmen.5 Das könnte die Matrix sein: Eine aus Nullen und Einsen generierte Welt, die sich prima verwalten lässt unter der kalten Sonne der Vernunft. In Wirklichkeit ist sie aber der Blockbuster gewordene Widerschein des eisernen Gehäuses der Hörigkeit (M. Weber) unserer warengesellschaftlichen Wirklichkeit.
Etwas anderes zu wollen, liegt außerhalb des Universums der modernen Vernunft. Unsere soziale Phantasie reicht demnach kaum aus, eine andere gesellschaftliche Wirklichkeit überhaupt zu denken. So wie die Matrix für deren Bewohner ist die moderne Vernunft ein Gefängnis für unseren Verstand. Diesem Universum zu entkommen, scheint genauso absurd und aussichtslos wie ein Fluchtversuch aus der Matrix. Das Gehirn schwimmt wohl doch im Tank.
Literatur:
Beck, Ulrich 1986. Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne, Frankfurt/Main: Suhrkamp
Bockelmann, Eske 2004. Im Takt des Geldes. Zur Genese des modernen Denkens, Springe: Zu Klampen Verlag
Descartes, René [1641] 1998: Untersuchungen über die Grundlagen der Philosophie, Digitale Bibliothek 2: Philosophie von Platon bis Nietzsche, Berlin: Directmedia
Kant, Immanuel [1784] 1998. Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?, Digitale Bibliothek 2: Philosophie von Platon bis Nietzsche, Berlin: Directmedia
Kant, Immanuel [1793] 1998. Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft, Digitale Bibliothek 2: Philosophie von Platon bis Nietzsche, Berlin: Directmedia
Kurz, Robert 2004. Blutige Vernunft. Essays zur emanzipatorischen Kritik der kapitalistischen Moderne und ihrer "westlichen Werte", Bad Honnef: Horlemann Verlag
Marx, Karl [1867] 1982. Das Kapital. Bd 1. Der Produktionsprozess des Kapitals, Berlin: Dietz Verlag
Müller, R.W. 1977. Geld und Geist. Zur Entstehungsgeschichte von Identitätsbewusstsein und Rationalität seit der Antike, Frankfurt a.M.: Campus Verlag
Ortlieb, Claus-Peter 1998. "Bewusstlose Objektivität. Aspekte einer Kritik der mathematischen Naturwissenschaft", krisis21/22, Bad Honnef: Horlemann Verlag, S. 15-51
Sohn-Rethel, Alfred 1961. Warenform und Denkform. Aufsätze, Frankfurt a.M.: Europäische Verlagsanstalt
Weber, Max [1922] 2001. Wirtschaft und Gesellschaft, Digitale Bibliothek 58: Max Weber Gesammelte Werke, Berlin: Directmedia


1Für diese Interpretation des Goya Bildes spricht, dass unter den bedrohlichen Schatten neben Fledermäusen auch viele Eulen zu sehen sind. So gilt die Eule in der Mythologie einerseits als Symbol der Weisheit, andererseits auch als Sinn­bild für Gut und Böse. Setzte Goya die Eulen also als Sinnbild einer bösen Vernunft ein? Gegen die hier vorgebrachte Interpretation spricht, dass die Eulen im Mittelalter als Teufelstiere mit Zauberkräften angesehen wurden, die Eulen genauso gut auch als Gegenbild der Vernunft interpretiert werden könnten.
2Folgende Autoren seien ohne Anspruch auf Vollständigkeit angeführt: Neben Marx, der die totalitäre Handlungs- und Denkform des Werts als spezifisch kapitalistische Vergesellschaftungsform beschrieben hat, ist Alfred Sohn-Rethel zu nennen, der in seinem Werk „Warenform und Denkform. Versuch über den gesellschaftlichen Ursprung des >reinen Verstandes<“ (1961) einen ersten Versuch einer expliziten Bestimmung dieses Zusammenhangs unternommen hat. Die meisten nachfolgenden Autoren beziehen sich auf Sohn-Rethel, kritisieren jedoch mehr oder weniger dessen Ansatz, insofern Sohn-Rethel die Konstitution des Zusammenhangs von Waren- und Denkform bereits in der Antike ansie­delt. Sohn-Rethel in diesem Punkt noch sehr nahestehend ist die Arbeit „Geld und Geist. Zur Entstehungsge­schichte von Identitätsbewußtsein und Rationalität seit der Antike“ (1977) von R.W. Müller. In dem Buch „Im Takt des Geldes. Zur Genese des modernen Denkens“ von Eske Bockelmann (2004) wird hingegen der Beginn des modernen Denkens erst im Zusammenhang einer historisch einzigartigen Ausbreitung der gesellschaftlichen Synthese über das Geld im 17. Jahrhundert verortet. Enger an einer kritischen Marx-Lektüre orientierte Autoren, die ebenfalls zu diesem Kom­plex arbeiten, sind Robert Kurz „Blutige Vernunft“ (2004) und Claus-Peter Ortlieb „Bewusstlose Objektivität“ in krisis 21/22 (1998).
3Im Gegensatz dazu ist die intelligible Welt bei Platon, einem der wichtigsten Philosophen der Antike, alles andere als inhaltsleer. Seine Ideenwelt findet ihren mannigfaltigen Inhalt in den Formen, deren Widerschein sich für uns als Weltinhalt darstellt. Aber auch über Platon hinaus ist der Begriff des Logos in der Antike wesentlich weiter gefasst, als die moderne Kategorie der Vernunft mit ihrer strengen inhaltsleeren Formalisierung.
4Wie stark die reale bürgerliche Welt selber auf einem Prozess der Fiktionalisierung gründet, davon kündet nicht nur das Platzen der Dotcom-Blase 2001, deren Friktionen noch durch eine Nachfolge-Blase (Immobilien) aufgefangen wer­den konnte. Ihr furioses Platzen stürzte 2008 die globale Ökonomie in eine massive Krise. Die gängigen Interpretatio­nen dieser Krise verkehren Ursache und Wirkung der ökonomischen Fiktionalisierung, wenn sie den Grund der Krise in der Spekulation verorten. Denn das Potential und die Notwendigkeit zur Fiktionalisierung liegt in der Realwirt­schaft selber. Ohne die spekulative Form des Reichrechnens auf der Ebene des fiktiven Kapitals hätte die notwendige Nachfrage für die globalen Überproduktionskapazitäten der Realwirtschaft gar nicht hergestellt werden können und die Krise, die in den Widersprüchen der Realwirtschaft selber gründet, wäre viel früher zum Ausbruch gekommen.
5Auch wenn der Film es nicht thematisiert: Es wäre sogar vorstellbar, dass das politische System innerhalb der Matrix eine Demokratie ist, inklusive Menschenrechten und freiem Willen. Was spräche dagegen? Soweit es das Leben inner­halb der Matrix betrifft – gar nichts. Dem Zugriff des freien Willens der MatrixbewohnerInnen einzig entzogen sind ihre Leiber, von denen sie jedoch nichts wissen. Wüssten sie von ihnen und damit von der wirklichen Welt, die sich im Film als ein apokalyptisches Szenario biblischen Ausmaßes präsentiert, eine Befreiung aus den Nährlösungsbecken obläge nicht der Freiheit ihres Willens. Hier wäre natürlich die Grenze, die der freie Wille nicht überschreiten könnte. Aber gibt es diese Grenzen nicht auch in der realen Welt? Zum einen ist Begrenzung kein Ausschlusskriterium des freien Willens, denn er selbst soll sich nach Kant begrenzen, sich unterwerfen unter das Gesetz: Dem abstrakt Beson­deren des freien Willens der Einzelnen steht die abstrakte Allgemeinheit des Allgemeinwillens gegenüber – institutio­nalisiert im Staat. Zum anderen gehört die Freiheit des Willens ehern zu einem Kategorienkanon von Arbeit, Ware, Geld, Kapital, Freiheit, Gleichheit, Recht und Staat, der das bürgerliche Universum umspannt und strukturiert - wie eine Matrix. Wenn aber die Willensfreiheit nur das bürgerliche Universum zulässt, dem Willen also eine Form von Ver­gesellschaft vorschreibt, welchen Wert hat dann die Freiheit des Willens, wenn sie selber zum Dogma wird?

Zur Kritik von Dialektik, Geschichtsteleologie und Fortschrittsglaube

Vorläufige Aspekte einer Kritik des historischen und dialektischen Materialismus

erschienen in: krisis 28

Christian Höner

Selten war so viel Einigkeit in der Linken. Dieser Satz klingt angesichts der Auseinandersetzung z.B. um den Antisemitismus recht seltsam. Doch bezogen auf die Aufklärung ist er richtig. Bei allem Negativen, was der Kapitalismus mit sich brachte, so die landläufige Argumentation, mit ihm kam der Fortschritt. So adelt die Linke den Kapitalismus in der Phase seines Niedergangs und spricht ihm eine historische Berechtigung zu, weil er einerseits die „Naturverfallenheit“ der Menschen aufgesprengt, andererseits überhaupt Gesellschaft und damit die Voraussetzungen für Emanzipation hergestellt hätte. Dialektik als positive Erkenntnismethode, materialistische Geschichtsteleologie und Fortschrittsglaube sind das lieb gewonnene Inventar linker Identität. Hier finden linke Antipoden wie antideutsche und traditionelle Linke auf je unterschiedliche Weise zueinander.
Diesem Konsens soll ganz entschieden widersprochen werden. Methodisch konzentriere ich mich auf die wesentlichen Theoretiker, die für ein breites linkes Spektrum zumindest implizit zentrale Bezugsgrößen darstellen: Hegel, Marx, Adorno/Horkheimer. Ohne Anspruch und Möglichkeit der Vollständigkeit sollen Gemeinsamkeiten und Differenzen zum Zweck der Kritik herausgearbeitet werden.

Zum historischen Materialismus

Zunächst einmal: Es taucht meines Wissens nach im gesamten Marxschen Werk kein einziges Mal die Kategorie des historischen Materialismus (Histomat) auf. Vielmehr ist es Engels, der diesen Begriff in seiner Schrift Über Historischen Materialismus1 prägte. Im Arbeiterbewegungsmarxismus wurde der Histomat dann zur wissenschaftlichen Theorie der Geschichte aufgeblasen, an deren Ende bekanntlich der gesetzmäßige Sieg des Sozialismus stehen sollte. Dennoch finden sich in den Marxschen Schriften zahlreiche Darstellungen, die dem, was später als Histomat firmierte, theoretische Grundlage werden sollte. Der Referenztext des Arbeiterbewegungsmarxismus zum historischen Materialismus stammt aus dem Vorwort zur Kritik der Politischen Ökonomie: „In der gesellschaftlichen Produktion ihres Lebens gehen die Menschen bestimmte, notwendige, von ihrem Willen unabhängige Verhältnisse ein, Produktionsverhältnisse, die einer bestimmten Entwicklungsstufe ihrer materiellen Produktivkräfte entsprechen. Die Gesamtheit dieser Produktionsverhältnisse bildet die ökonomische Struktur der Gesellschaft, die reale Basis, worauf sich ein juristischer und politischer Überbau erhebt und welcher bestimmte gesellschaftliche Bewusstseinsformen entsprechen. Die Produktionsweise des materiellen Lebens bedingt den sozialen, politischen und geistigen Lebensprozess überhaupt. Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt. Auf einer gewissen Stufe ihrer Entwicklung geraten die materiellen Produktivkräfte der Gesellschaft in Widerspruch mit den vorhandenen Produktionsverhältnissen oder, was nur ein juristischer Ausdruck dafür ist, mit den Eigentumsverhältnissen, innerhalb derer sie sich bisher bewegt hatten. Aus Entwicklungsformen der Produktivkräfte schlagen diese Verhältnisse in Fesseln derselben um. Es tritt dann eine Epoche sozialer Revolution ein. Mit der Veränderung der ökonomischen Grundlage wälzt sich der ganze ungeheure Überbau langsamer oder rascher um. In der Betrachtung solcher Umwälzungen muss man stets unterscheiden zwischen der materiellen, naturwissenschaftlich treu zu konstatierenden Umwälzung in den ökonomischen Produktionsbedingungen und den juristischen, politischen, religiösen, künstlerischen oder philosophischen, kurz, ideologischen Formen, worin sich die Menschen dieses Konflikts bewusst werden und ihn ausfechten. Sowenig man das, was ein Individuum ist, nach dem beurteilt, was es sich selbst dünkt, ebensowenig kann man eine solche Umwälzungsepoche aus ihrem Bewusstsein beurteilen, sondern muss vielmehr dieses Bewusstsein aus den Widersprüchen des materiellen Lebens, aus dem vorhandenen Konflikt zwischen gesellschaftlichen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen erklären. Eine Gesellschaftsformation geht nie unter, bevor alle Produktivkräfte entwickelt sind, für die sie weit genug ist und neue höhere Produktionsverhältnisse treten nie an die Stelle, bevor die materiellen Existenzbedingungen derselben im Schoß der alten Gesellschaft selbst ausgebrütet worden sind. Daher stellt sich die Menschheit immer nur Aufgaben, die sie lösen kann, denn genauer betrachtet wird sich stets finden, dass die Aufgabe selbst nur entspringt, wo die materiellen Bedingungen ihrer Lösung schon vorhanden oder wenigstens im Prozess ihres Werdens begriffen sind. In großen Umrissen können asiatische, antike, feudale und modern bürgerliche Produktionsweisen als progressive Epochen der ökonomischen Gesellschaftsformation bezeichnet werden. Die bürgerlichen Produktionsverhältnisse sind die letzte antagonistische Form des gesellschaftlichen Produktionsprozesses, antagonistisch nicht im Sinn von individuellem Antagonismus, sondern eines aus den gesellschaftlichen Lebensbedingungen der Individuen hervorwachsenden Antagonismus, aber die im Schoß der bürgerlichen Gesellschaft sich entwickelnden Produktivkräfte schaffen zugleich die materiellen Bedingungen zur Lösung dieses Antagonismus. Mit dieser Gesellschaftsformation schließt daher die Vorgeschichte der menschlichen Gesellschaft ab.“2
Die Bewegung des Histomat ist geschichtsteleologisch, demnach fortschreitend vom Niederen zum Höheren und universalistisch, denn alle bisherige Geschichte lässt sich „auf den Begriff bringen“, d.h. unter die Bewegungsform des Histomat unterordnen. Sie ist weiterhin stadienhaft und dialektisch; quantitative Veränderungen kulminieren in qualitativen. Historische Formationen laufen gesetzmäßig ab: Urkommunismus, Sklavenhaltergesellschaft, Feudalgesellschaft, Kapitalismus, Sozialismus, bis dorthin, wo die Sonne ewig scheint: im Kommunismus. Logisch, dass sich Marx seinerzeit darüber beschwerte, dass in Deutschland der Kapitalismus zu wenig entwickelt sei und weiterhin logisch, dass Lenin das Heft selbst in die Hand nahm, um die nachholende Modernisierung in die Warengesellschaft zu exekutieren, denn die Geschichte war ja mit ihm.
Marx zufolge kommt den Produktivkräften eine entscheidende Rolle als Subjekt der bisherigen Geschichte zu. Sie sind der Ausgangspunkt einer deduktiven Begriffs- bzw. Logikkette. Die Produktivkräfte bestimmen das Produktionsverhältnis. Dieses wiederum formt den so genannten juristisch-politischen und geistig-kulturellen Überbau. Eine Revolution gesellschaftlicher Verhältnisse und Bewusstseinsformen nimmt demnach in der menschlichen Geschichte generell von den Produktivkräften ihren Ausgangspunkt. Die Entwicklung der Produktivkräfte schlägt sich soziologisch in Klassenkämpfen nieder. In diesem Sinn sind die populär gewordenen Sätze aus dem Manifest der kommunistischen Partei zu interpretieren: „Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen. Freier und Sklave, Patrizier und Plebejer, Baron und Leibeigener, Zunftbürger und Gesell, kurz, Unterdrücker und Unterdrückte standen in stetem Gegensatz zueinander, führten einen ununterbrochenen, bald versteckten, bald offenen Kampf, einen Kampf, der jedesmal mit einer revolutionären Umgestaltung der ganzen Gesellschaft endete oder mit dem gemeinsamen Untergang der kämpfenden Klassen.“3
Damit meint Marx das Bewegungsgesetz der gesamten Geschichte entdeckt zu haben und darüber hinaus das Bewegungsgesetz der Befreiung. Die Produktivkräfte erscheinen hier als eigentliches Subjekt der Geschichte. Entwickeln sich die Produktivkräfte auf ein höheres Niveau, werden die Produktionsverhältnisse zu Fesseln, die letztlich gesprengt werden. Produktivkräften wird hierbei per se unterstellt, fortschrittlich zu sein – wir haben es also mit einem Fortschrittsbegriff zu tun, der auf die Steigerung der Produktivkraft reduziert ist. Es fällt auf, dass dieser produktivkraftbezogene Fortschrittsbegriff gleich mehrfach abstrakt ist. Zum einen wird vom sinnlich-konkreten Inhalt der Produktivkräfte abgesehen, zum anderen fehlen Bezüge zu allen anderen Aspekten menschlicher Lebensäußerung, die nur noch abgeleitete Anhängsel zu sein scheinen.
Konträr dazu entwickelt Marx in Abgrenzung zum Idealismus und Vulgärmaterialismus (Kritik an Feuerbach in den gleichnamigen Thesen) eine Materialismusauffassung, deren Zentrum die Praxis der Menschen sein soll, in der das abstrakte Gegenüber von Bewusstsein und Materie aufgehoben ist. Was Marx in Auseinandersetzung mit Feuerbach noch allgemein als menschliche Praxis bestimmt, findet sich im Histomat reduziert auf die Produktivkräfte. Ist es hier die Totalität der menschlichen Praxis, die die Entwicklung der Produktivkräfte bestimmt, so scheinen es in jenem primär die Produktivkräfte zu sein, die die menschliche Praxis bestimmen. Diese Antinomie hat Marx explizit nicht aufgelöst.

Der doppelte Marx

Auch wenn im Marxschen Werk Darstellungen überwiegen, die in Richtung des Histomat interpretierbar sind, so lassen sich dennoch widersprüchliche Aspekte finden. In dem Sassulitsch-Brief reflektiert Marx implizit den eurozentristischen Charakter des Histomat: „Bei der Analyse der Entstehung der kapitalistischen Produktion sage ich: ‚Dem kapitalistschen System liegt also die radikale Trennung des Produzenten von den Produktionsmitteln zugrunde… Die Grundlage dieser ganzen Entwicklung ist die Expropriation der Ackerbauern. Sie ist auf radikale Weise erst in England durchgeführt…‘ Aber alle anderen Länder Westeuropas durchlaufen die gleiche Bewegung. Die ‚historische Unvermeidlichkeit‘ dieser Bewegung ist also ausdrücklich auf die Länder Westeuropas beschränkt. (…) ‚Das Privateigentum, das auf persönlicher Arbeit gegründet ist…, wird verdrängt durch das kapitalistische Privateigentum, das auf der Ausbeutung der Arbeit anderer, auf Lohnarbeit gegründet ist.‘ Bei dieser Bewegung im Westen handelt es sich um die Verwandlung einer Form des Privateigentums in eine andere Form des Privateigentums. Bei den russischen Bauern würde man im Gegenteil ihr Gemeineigentum in Privateigentum umwandeln.
Die im ‚Kapital‘ gegebene Analyse enthält also keinerlei Beweise – weder für noch gegen die Lebensfähigkeit der Dorfgemeinde, aber das Spezialstudium (…) hat mich davon überzeugt, dass diese Dorfgemeinde der Stützpunkt der sozialen Wiedergeburt Russlands ist; damit sie aber in diesem Sinne wirken kann, müsste man zuerst die zerstörenden Einflüsse, die von allen Seiten auf sie einstürmen, beseitigen, und ihr sodann die normalen Bedingungen einer natürlichen Entwicklung sichern.“4 In diesen Ausführungen erteilt Marx einer teleologischen Universalgeschichte eine klare Absage. Kapitalismus erscheint hier nicht mehr als notwendige Voraussetzung einer wie auch immer gearteten Emanzipation des Menschen. Folgt man dem Gemeineigentum-Argument, so muss sogar die Notwendigkeit der warengesellschaftlichen Transformation von Westeuropa hinterfragt werden, war doch das Gemeineigentum ebenso in den feudalen westeuropäischen Agrargesellschaften relativ weit verbreitet. Hiernach hätten auch prinzipiell andere Wege einer gesellschaftlichen Entwicklung offen gestanden und damit auch andere Möglichkeiten der Emanzipation.
Dem Arbeiterbewegungsmarxismus musste diese Darstellung ein Dorn im Auge sein. Der mit der formationslogischen Gesetzmäßigkeit des Histomat inkompatible Ausbruch der „sozialistischen“ Revolution im feudalen Russland musste nun entsprechend in das ideologische Gebäude des Traditionsmarxismus hineingezwungen werden. Ausgerechnet der modernisierungskritische Sassulitsch-Brief wurde aus seinem Begründungszusammenhang herausgerissen, der doch die Rolle des agrikulturellen Gemeineigentums betont und in den Kontext einer nachholenden In-Wertsetzung bzw. Modernisierung auf Basis industrieller Warenproduktion gestellt. Durch die Entsorgung des modernisierungskritischen Kerns des Sassulitsch-Briefes konnte dieser als Legitimation der russischen Revolution unter Berufung auf die Marxsche Autoriät gelesen werden. Dieser ideologische Taschenspielertrick basiert freilich auf dem ältesten Missverständnis des Arbeiterbewegungsmarxismus selbst, der die Kategorie des Eigentums immer schon verkürzt gedacht hat5
und umstandslos Gemeineigentum und Staatseigentum in eins setzte.
Dass Marx derart interpretierbar ist, liegt nicht nur an den jeweiligen zeitlichen Kontexten, sondern ist auch seinen eigenen Ambivalenzen geschuldet. So folgen die Ausführungen von Marx zur britischen Herrschaft in Indien einem gänzlich anderen Zungenschlag: „So sehr es nun auch dem menschlichen Empfinden widerstreben mag, Zeuge zu sein, wie Myriaden betriebsamer patriarchalischer und harmloser sozialer Organisationen zerrüttet und in ihre Einheiten aufgelöst werden, hineingeschleudert in ein Meer von Leiden, wie zu gleicher Zeit ihre einzelnen Mitglieder ihrer alten Kulturformen und ihrer ererbten Existenzmittel verlustig gehen, so dürfen wir doch darüber nicht vergessen, dass diese idyllischen Dorfgemeinschaften, so harmlos sie auch aussehen mögen, seit jeher die feste Grundlage des orientalischen Despotismus gebildet haben, dass sie den menschlichen Geist auf den denkbar engsten Gesichtskreis beschränkten, ihn zum gefügigen Werkzeug des Aberglaubens, zum unterwürfigen Sklaven traditioneller Regeln machten und ihn jeglicher Größe und geschichtlicher Energien beraubten. Wir dürfen nicht die barbarische Selbstsucht vergessen, die, an einem elenden Stückchen Land klebend, ruhig dem Untergang ganzer Reiche, der Verübung unsäglicher Grausamkeiten, der Niedermetzelung der Einwohnerschaft großer Städte zusah, ohne sich darüber mehr Gedanken zu machen als über Naturereignisse, dabei selbst jedem Angreifer, der sie auch nur eines Blickes zu würdigen geruhte, hilflos als Beute preisgegeben.
Wir dürfen nicht vergessen, dass dieses menschenunwürdige, stagnierende Dahinvegetieren, diese passive Art zu leben, auf der andern Seite ihre Ergänzung fanden in der Beschwörung wilder, zielloser, hemmungsloser Kräfte der Zerstörung und in Hindustan selbst aus dem Mord einen religiösen Ritus machten. Wir dürfen nicht vergessen, dass diese kleinen Gemeinwesen durch Kastenunterschiede und Sklaverei befleckt waren, dass sie den Menschen unter das Joch äußerer Umstände zwangen, statt den Menschen zum Beherrscher der Umstände zu erheben, dass sie einen sich naturwüchsig entwickelnden Gesellschaftszustand in ein unveränderliches, naturgegebenes Schicksal transformierten und so zu jener tierisch rohen Naturanbetung gelangten, deren Entartung zum Ausdruck kam in der Tatsache, dass der Mensch, der Beherrscher der Natur, vor Hanuman, dem Affen, und Sabbala, der Kuh, andächtig in die Knie sank.
Gewiss war schnödester Eigennutz die einzige Triebfeder Englands, als es eine soziale Revolution in Indien auslöste und die Art, wie es seine Interessen durchsetzte, war stupid. Aber nicht das ist hier die Frage. Die Frage ist, ob die Menschheit ihre Bestimmung erfüllen kann ohne radikale Revolutionierung der sozialen Verhältnisse in Asien. Wenn nicht, so war England, welche Verbrechen es auch begangen haben mag, doch das unbewusste Werkzeug der Geschichte, indem es diese Revolution zuwege brachte.“6
Zeigt sich Marx bezüglich der russischen Dorfgemeinschaften als Kritiker der Moderne, lesen sich seine Darstellungen zu Indien modernisierungstheoretisch. Obwohl ihm offensichtlich nicht ganz wohl zu sein scheint, verfährt Marx hier nach dem Motto „Augen zu und durch“. Gilt ihm das Gemeineigentum an Boden in den russischen Dorfgemeinden als Möglichkeit einer sozialen Wiedergeburt, sind ihm die indischen Dorfgemeinschaften ein Hort der Anti-Emanzipation7, die es – auch wenn es den Menschen real wesentlich schlechter gehen sollte8 – in die Geschichte „zu bomben“ gälte. Marx liefert keine theoretische Fundierung, warum nun ausgerechnet die Engländer und mit ihnen die Waren produzierenden Verhältnisse Indien im doppelten Wortsinn verwüsten mussten, damit dort irgendwann einmal Kommunismus ausbrechen könne. Dafür finden sich eine Reihe seltsamer Motive: So ist die Rede von fehlender „Größe“ und „geschichtlicher Energie“. Marx wirft den „harmlosen“ Dorfgemeinschaften vor, dass sie sich anstatt um den „Untergang ganzer Reiche“ lieber um die Bestellung ihrer Felder kümmerten.
In einer seiner politischen Schriften über Die Revolution in China und Europa redet Marx davon, dass „die barbarische hermetische Abschließung von der zivilisierten Welt“ im Rahmen des Opiumkrieges der Engländer gegen das chinesische Kaiserreich durchbrochen wurde. Die Verwendung der Begriffe barbarisch und zivilisiert verwundert auch hier. Es ist eine vollkommen willkürliche Scheidung, der jeder Maßstab fehlt. Was die Dimension der Greueltaten anbelangt, so übertreffen die zivilisierten bei weitem die barbarischen. Auch das sozial-ökonomische Elend eignet sich wohl kaum zu einer Kategorisierung von Barbarei und Zivilisation. Und zu guter Letzt ist auf der Ebene des gesellschaftlichen Fetischverhältnisses erst recht keine derartige Scheidung zu rechtfertigen.
Die Bürde des weißen Mannes, der den Rest der Welt in das heimholen will, was er für zivilisiert hält, war damals so gemeingefährlich wie heute. So wenig wie sich ein sinniger Grund angeben lässt, warum ausgerechnet der Warenfetisch die Bedingungen der Emanzipation gegenüber früheren Fetischformen verbessert haben soll, wenn es doch seinem Wesen entspricht, stärker als alle seine faktischen Vorgänger nach Totalität zu streben, sowenig kann davon gesprochen werden, dass das soziale Elend in Indien kurz- und langfristig verschwunden wäre. Betrachtet man die Pauperisierung, muss das Gegenteil festgestellt werden.
Was das stereotype, fortschrittsfetischistische Muster der Entwicklung vom Niederen zum Höheren anbelangt, so lassen sich beliebig weitere Beispiele in der abendländischen Überheblichkeit gegenüber „unzivilisierten“, „barbarischen“ „Völkern“ finden. Diese Überheblichkeit ist aber nicht auf ein individuelles Ressentiment zu reduzieren, sondern liegt in der Struktur des modernen Geschichtsverständnisses begründet. Nicht nur dieses Geschichtsverständnis ist bis heute erhalten geblieben, sondern auch die daraus resultierende Überheblichkeit erfreut sich hartnäckigster Beliebtheit. Für das kritisch-reflektierte Bewusstsein sei hier nur Hanna Arendt angeführt, für die afrikanische Stämme aufgrund ihrer Politiklosigkeit keine Menschen im eigentlichen Sinn waren: „Denn was auch immer die Menschheit an Schrecken vor wilden barbarischen Stämmen gekannt hat, das grundsätzliche Entsetzen, das den europäischen Menschen befiel, als er Neger (…) kennenlernte, hat nirgend seinesgleichen. Es ist das Grauen vor der Tatsache, dass auch dies noch Menschen sind und die diesem Grauen unmittelbar folgende Entscheidung, dass solche ‚Menschen‘ keinesfalls unseresgleichen sein durften. Wirkliche Rassen (…) scheinen auf der Erde nur in Afrika und Australien vorgekommen zu sein; sie sind bis heute die einzigen ganz geschichts- und tatenlosen Menschen, von denen wir wissen. (…) Was sie von den anderen Völkern unterschied, war nicht die Hautfarbe; was sie auch physisch erschreckend und abstoßend machte, war die katastrophale (…) Zugehörigkeit zur Natur, der sie keine menschliche Welt entgegensetzen konnte. (…) Das Unwirkliche liegt darin, dass sie Menschen sind und doch der dem Menschen eigenen Realität ganz und gar ermangeln. Es ist diese mit ihrer Weltlosigkeit gegebene Unwirklichkeit der Eingeborenenstämme, die zur völligen Gesetzlosigkeit in Afrika verführt hat“.9
Kein Wunder, dass sich die bis ins Alltagsdenken hineingesickerte Aufklärung in Bildern vom mittelalterlichen Menschen manifestiert, der geistig-umnachtet und schlammverschmiert auf seiner Scholle hockt, nur evolutionäre Millimeter vom Einzeller entfernt. Der modernisierungskritische Marx spottet denn auch: „Japan, mit seiner rein feudalen Organisation des Grundeigentums und seiner entwickelten Kleinbauernwirtschaft, liefert ein viel treueres Bild des europäischen Mittelalters als unsre sämtlichen, meist von bürgerlichen Vorurteilen diktierten Geschichtsbücher. Es ist gar zu bequem, auf Kosten des Mittelalters ‚liberal‘ zu sein.“10

Das Kriterium des Fortschritts

Wenn von Fortschritt die Rede ist, dann stellt sich die Frage des Kriteriums: Wodurch lässt sich Fortschritt bestimmen? Bei Hanna Arendt ist es offensichtlich das Herausbilden und Ausdifferenzieren einer politischen Sphäre, die den Menschen vom an sich zum für sich bringt, wobei die Natur Abstoßungspunkt bleibt. So ist das wahrscheinlich übergreifende Motiv der verschiedenen modernen Fortschrittsvorstellungen das Verhältnis Mensch–Natur bzw. Kultur–Natur. Natur figuriert dabei als feindliches und bedrohliches Reich des Chaos, gleichsam des Gesetzmäßigen und Unfreien. So gesehen geht es darum, eine größtmögliche Distanz zwischen Mensch und Natur aufzubauen, damit der Mensch nicht wieder von ihr verschlungen werde. Hoch und Niedrig gäbe dann den Grad der Befangenheit oder Unfreiheit an. Die Natur als ein dem Menschen feindliches Gegenüber zu konstruieren, mutet etwas seltsam an, bedenkt man die Tatsache, dass es doch zunächst einmal die Natur war, die den Mensch werden ließ. Das Bild vom Menschen, der in einem souveränen Akt aus der ersten Natur herausgetreten sei, ist Ideologie. Denn diese Formulierung legt bewusste Aktivität nahe, wo der Mensch als solcher noch gar nicht geworden ist. Auch das abstrakte Gegenüber von Mensch und Natur ist nicht haltbar: Der Mensch ist und bleibt denkendes und gesellschaftliches Naturwesen. Ohne in ihr aufzugehen, bleibt der Mensch in Natur befangen. Es geht ganz entschieden nicht um die Biologisierung des Sozialen, sondern nur um die schlichte Feststellung, dass der Mensch Bestandteil der Natur und die Natur Bestandteil des Menschen ist. In der ökologischen Krise drückt sich diese Befangenheit aus, die es gerade anzuerkennen gilt und nicht zu negieren. Problematisch wird die Anerkennung des Befangensein in der Natur erst, wenn sie – wie in der Romantik – als abgespaltene und damit bereits zugerichtete hypostasiert wird. Die Angst vor der Natur und ihre romantische Affirmation korrespondieren insofern miteinander, als sie die ideologischen Affekte der modernen Dichotomie Mensch–Natur darstellen, in der sich Mensch und Natur abstrakt einander gegenüber stehen. Der Histomat knüpft nun an dieses dichotomische Mensch–Natur–Verhältnis an, wenn die Produktivkräfte das Vermögen angeben, Distanzen zwischen Mensch und Natur durch deren Umformung aufzubauen.
Und was sagt die frühe Wertkritik, die gerade im Begriff war, den maroden theoretischen Korpus des Arbeiterbewegungsmarxismus zu verlassen? „Wir halten in schroffem Gegensatz zur grün-alternativen Produktivkraftkritik daran fest, dass der Kapitalismus trotz aller Greuel seiner Entwicklungsgeschichte einen ungeheuren Fortschritt aller vorindustriellen Gesellschaft und deren heute unvorstellbar rohen Formen und Lebensstandards gegenüber bedeutet hat. Das ,automatische Subjekt‘ des Werts war einmal bitter nötig, um die Produktivkräfte und die Vergesellschaftung über die Zustände des Grundeigentums und der Blutsverwandtschaft hinauszuführen, unter denen die große Masse der Menschen nicht viel besser lebte als Haustiere.“11 „Diese Momente abstrakter, indirekter Vergesellschaftung (gemeint ist die Warengesellschaft; C.H.) aber bilden einen ungeheuren Fortschritt gegenüber aller vorherigen Gesellschaftlichkeit, die über Grundeigentum und Blutsverwandtschaft als Produktionsverhältnis noch unmittelbar naturverhaftet war und in der die physische Gewalt noch als unmittelbare Verkehrsform der sozialen Beziehungen auftrat.“ (Hervorhebungen C.H.)12 Auch Franz Schandl schlägt in seinem frühen Artikel „Geschichte als Fortschritt“ Folgendes vor: „Maß des Fortschritts ist die Herstellung eines vergleichbaren qualitativen Produktes in einem kürzeren Zeitquantum. Dies ist auch die quantitative (aber eben nicht qualitative!) Vorbedingung jedweden gesellschaftlichen Reichtums.“13
Warum aber soll Fortschritt gerade auf das Maß reduziert werden, dass die Größe des Wertes darstellt? Warum überhaupt ein absolutes Maß? Das einzige Absolute, was mir dazu einfiele, wäre negativ: Die Überwindung fetischisierter Gesellschaftlichkeit. Dann hat es bisher gar keinen Fortschritt gegeben. Will Wertkritik darüber hinaus am Fortschrittsbegriff festhalten, so müsste neben dem absoluten Kriterium ein relatives entwickelt werden. Relativer Fortschritt wäre dann jeweils zu beziehen auf die mögliche Verbesserung der Lebenspraxis und damit der verschiedensten einander durchdringenden Lebensäußerungen des Menschen. Was sich aber Menschen im Laufe der geschichtlichen Entwicklung unter einer Verbesserung ihrer Lebensumstände vorstellten, ist nur aus ihren konkreten Bezügen heraus zu beantworten. Fortschritt wäre demzufolge aber nicht auf das Glück der größtmöglichen Zahl an Produkten und des geringsten Zeitmaßes ihrer Herstellung zu reduzieren. Dies wäre doch nichts weiter als die schlechte Utopie der Warengesellschaft, in der die Menschen nur noch konsumierende Anhängsel eines vollautomatisierten Maschinenaggregates und Freizeitidioten als Charaktermasken sein Ergebnis wären.
Das Motiv vom Niederen zum Höheren geistert selbst noch in den fortschrittskritischen Aufsätzen herum: „Angesichts der mit dem Kollaps der Wertlogik einsetzenden anomischen Prozesse muss für uns Nachgeborene Emanzipation vor allem die Verteidigung des erreichten Vergesellschaftungsniveaus zum Inhalt haben. Die Suche nach Formen alternativer Vergesellschaftung jenseits von Ware und Staat schöpft ihre Legitimation daraus, dass die Herrschaft der Form mit dem von der Produktivkraftentwicklung gesetzten Vernetzungsniveau unvereinbar geworden ist. Bei den Altvorderen finden wir hingegen genau die umgekehrte Beziehung. Der form-inkompatible Widerstand richtete sich damals gerade gegen die mit der kapitalistischen Logik zusammenfallende Vergesellschaftungsdynamik und blieb in der letztlich rückwärts gewandten Vorstellung einer ‚moral economy‘ (Edward Thompson) gefangen. Nur dieser Zusammenhang erklärt denn auch das restlose Verschwinden dieser Ansätze. Wenn sie sukzessive an Bedeutung verloren, um schließlich vollends der Dampfwalze der warenförmigen Modernisierung zum Opfer zu fallen, dann nur deshalb, weil ein wesentlich von der Rückerinnerung an vorkapitalistische Formen von Gemeinschaft getragener Widerstand nicht in der Lage war, Konzepte alternativer Gesellschaftlichkeit hervorzubringen, die der blinden kapitalistischen Vergesellschaftungsdynamik ebenbürtig gewesen wären.“14 Implizit macht Ernst Lohoff den Telos eines hohen Vergesellschaftungsniveaus auf. Gemeint ist eine durch die Produktivkraftentwicklung erzielte hohe bzw. komplexe Vernetzung. In gewisser Weise wird hier argumentiert, wie Marx dies im Zusammenhang mit den indischen Gemeinden tat. Denn wäre die vormoderne „moral economy“ schon damals auf ein hohes Vernetzungs- bzw. Vergesellschaftungsniveau orientiert gewesen, hätte sie sich gegen die hereinbrechende Warengesellschaft durchsetzen können. Dass sie der „blinden kapitalistischen Vergesellschaftungsdynamik (nicht) ebenbürtig“ war, machte sie anachronistisch und deshalb verschwand sie unweigerlich auf dem Weg zur „Bestimmung der Menschheit“ eines hoch vernetzten Zusammenhangs.
Grundsätzlich bleibt dagegen einzuwenden, dass das Vernetzungs- und Vergesellschaftungsniveau selbst wiederum nur eine abstrakte Bestimmung ist. Welchen Grad der Komplexität gesellschaftlicher Vernetzung eine emanzipierte postkapitalistische Gesellschaft entwickeln wird, ist nicht per se ausgemacht. Das Höher, Schneller, Weiter wird sich einer Vielzahl sinnlicher, stofflicher und sozialer Kriterien beugen müssen. So wird zu prüfen sein, ob die momentan hohe stoffliche Vernetzung, die sich über den gesamten Planeten spannt, sinnvoll und aufrecht zu erhalten ist. So wird auch das Produkt gegen den stofflichen und sozialen Aufwand seiner Herstellung diskutiert werden müssen. Damit soll nicht gesagt sein, dass nur noch das realisiert werden soll, was in der unmittelbaren Reichweite der jeweiligen Individuuen liegt, aber sehr wohl, dass der Maßstab einer hohen Vergesellschaftung kein absoluter ist.
Und ob die „moral economy“ an ihrem Untergang selbst Schuld war, darf bezweifelt werden. Denn es war ja nicht einfach das höhere Vergesellschaftungsniveau der Waren produzierenden Moderne an sich, das ihr das Rückgrat brach, sondern deren gewaltförmiger Inhalt. Wenn es aber Bedingung der Emanzipation sein soll, mit den hochtechnologischen Destruktivkräften der modernen Fetischformation Schritt zu halten, dann verringern sich die ohnehin geringen Chancen eines Durchbrechens der „zweiten Natur“ rapide gegen null.

Feuerwaffeninnovation als Destruktivkraftrevolution

Gegen den Histomat als ein Epoche übergreifendes Prinzip spricht schon die Untersuchung des Übergangs vom Feudalismus zum Kapitalismus. Marx selbst liefert implizit Material für ein anderes Geschichtsverständnis als das des Histomat, wenn er mit der ursprünglichen Akkumulation des Kapitals im England des 16. Jahrhunderts darstellt, dass der reale Transformationsprozess kein quasi-naturwüchsiges Heranreifen einer bürgerlichen Sphäre innerhalb eines feudalgesellschaftlichen Korsetts war15 , sondern ein hausgemachter gewaltvoller Bruch der Moderne selbst, der in die „Annalen der Menschheit eingeschrieben (wurde) mit Zügen von Blut und Feuer“16. Dieser Bruch war natürlich nicht voraussetzungslos. Was aber nicht aus- bzw. durchbrach, war eine beide historische Formationen übergreifende Widerspruchslogik, nach der auf der Checkliste der Geschichte nun die Warengesellschaft an der Reihe war.
Das England vor der ursprünglichen Akkumulation, welches Marx beschreibt, war vornehmlich eine Agrargesellschaft mit einem Lebensstandard, der überhaupt nicht ins Bild der Aufklärungsideologen passt: „In England war die Leibeigenschaft im letzten Teil des 14. Jahrhunderts faktisch verschwunden. Die ungeheure Mehrzahl der Bevölkerung bestand damals und noch mehr im 15. Jahrhundert aus freien, selbstwirtschaftenden Bauern, durch welch feudales Aushängeschild ihr Eigentum immer versteckt sein mochte.“17 „Die kleinen Grundeigentümer, die ihre eigenen Felder mit eigner Hand bebauten und eines bescheidenen Wohlstands sich erfreuten, (…) bildeten damals einen weit wichtigeren Teil der Nation als jetzt (…)“18 „Solche Verhältnisse, bei gleichzeitiger Blüte des Städtewesens, wie sie das 15. Jahrhundert auszeichnet, erlaubten jenen Volksreichtum, (…), aber sie schlossen den Kapitalreichtum aus.“19
Der Tausch als Modus gesellschaftlicher Vermittlung und des Stoffwechselprozesses des Menschen mit der Natur war randständig und selbst in den Städten durch Zunftsysteme stark gebändigt.20 Andere Fetischformen strukturierten die gesellschaftliche Vermittlung und waren als solche mitnichten frei von Zumutungen und Leid. Die vormoderne fetischisierten, personalen Herrschafts- und Gewaltverhältnisse unterscheiden sich aber wesentlich vom modernen Warenfetischismus. In vormodernen Fetischverhältnissen existierte keine als Sphäre ausdifferenzierte Ökonomie und die produktiven Tätigkeiten waren unentwirrbar in den verschiedenen Lebenäußerungen eingebunden. Die gesellschaftliche Vermittlung stellte sich über personale Fetische als irdische Repräsentanten göttlicher Macht her. Die Moderne vertrieb nun Gott bzw. erklärte ihn zur Privatsache des Staatsbürgers, aber der Fetischismus verschwand nicht, sondern „fuhr“ in die produktiven Tätigkeiten und deren Produkte, die nun den gesellschaftlichen Vermittlungszusammenhang vergegenständlichen. Der vormoderne, in Personen inkorporierte Fetischismus transformierte sich in einen objektiven. Deshalb nimmt die gesellschaftliche Bewegung der Moderne die Form von objektiven Gesetzen an, die als solche nur in ihr wirken. So lässt sich vom Standpunkt der mittelalterlichen Gesellschaften aus überhaupt kein objektiver, gesetzesförmiger Widerspruchsprozess ableiten, der zwangsläufig zur Herausbildung der über den Wert vermittelten Warengesellschaft führen musste. Erst in der Warengesellschaft, in der sich die gesellschaftliche Fetischvermittlung der Produktionssphäre bemächtigt, können die Produktivkräfte als das gesellschaftliche Agens erscheinen. Zwar gab es eine Entwicklung der Produktivkräfte im Mittelalter (hauptsächlich im Agrarbereich)21, aber diese Produktivkraftentwicklung trieb nicht gesetzesmäßig über die mittelalterlichen Verhältnisse hinaus oder gar in die Waren produzierenden hinein. Die mittelalterlichen Produktivkräfte waren ihrem technischen Inhalt als auch ihrer gesellschaftlichen Form nach dem Kapital nicht adäquat. Das Kapital übernahm die vorgefundenen Produktivkräfte, so wie sie das Mittelalter entwickelt hatte. Nach dieser formellen Subsumierung erfolgte die inhaltliche Durchdringung der Produktivkräfte und ihre permanente, selbstzweckhafte Revolutionierung.
Als Bedingung der Möglichkeit für die Herausbildung der Warengesellschaft spielten nicht Produktivkräfte in einem euphemistischen Sinn eine wichtige Rolle, sondern solche, die ihrem sinnlich-konkreten Zweck nach als Destruktivkräfte wirkten. Die Rede ist von der Feuerwaffeninnovation. Über die Erfindung und Anwendung der Feuerwaffen vermittelte sich ein Prozess der Nationalstaatsbildung (Absolutismus), der die erforderlichen gesellschaftlichen Kapazitäten bündelte und eine flächendeckende Geldwirtschaft zum Aufbau von Militärapparaten durchsetzte (Merkantilismus).
Dass dieser Prozess nicht zwangsläufig war, zeigt ein vergleichender Blick auf die asiatischen Reiche, in denen die Feuerwaffe bekannt war, aber nicht weiter entwickelt oder wie in Japan bewusst abgeschafft wurde. Die Rolle der Produktivkräfte respektive Destruktivkräfte muss also als notwendige aber nicht hinreichende Vorbedingung des take off der Warengesellschaft betrachtet werden. Es mussten noch eine Reihe weiterer begünstigender negativer Faktoren hinzutreten. Nicht zu unterschätzen ist dabei die Rolle des asketischen Protestantismus, der den modernen Arbeitsethos mit seiner innerweltlichen Askese vorwegnahm. Eine weitere wichtige Voraussetzung war natürlich die nachhaltige gewaltsame Trennung der Menschen von ihren (Re)Produktionsmitteln, wie Marx anschaulich in Die so genannte ursprüngliche Akkumulation darlegt.
Es lässt sich also zeigen, wie vermittelt über die Feuerwaffeninnovation ein Prozess losgetreten wurde, der die alten europäischen Agrargesellschaften zersetzte, für mehrere Jahrhunderte die Lebensbedingungen ganzer Generationen verschlechtern und letztlich in die ‚wunderbare‘ Welt der Weltwarengesellschaft münden sollte.22 Dieser Prozess war geprägt von gewaltsamen Brüchen und Kämpfen, die prinzipiell offen waren und durchaus anders hätten ausgehen können. Rückblickend können wir den Übergang vom Feudalismus zum Kapitalismus nur als einen historischen Prozess rekonstruieren.
Wenn aber nach dem Verständnis des historischen Materialismus überhistorische Gesetzmäßigkeiten die Transformation von der feudalen zur Waren produzierenden Gesellschaft bestimmten, dann müsste dieser historische Prozess logisch darstellbar sein. Vielfach sind die Marxschen Darstellungen in den ersten Kapiteln des Kapitals dahingehend fehlinterpretiert worden, als würden sich seine Ausführungen über die innere Logik der Ware und deren Entfaltung zum Geld auf einen realen historischen Prozess beziehen. Zum einen hätte diese Annahme zur Folge, dass es tatsächlich eine vormoderne Gesellschaft gegeben haben müsste, die sich als einfache Warenproduktion treffend charakterisieren ließe. Dies ist zweifellos nicht der Fall, da sich die Warenproduktion erst zur allgemeinen und universellen Produktionsform entwickelt, wenn sich auch die unmittelbaren Produzenten in Besitzer der Ware Arbeitskraft verwandelt haben. Dies trifft aber auf vormoderne Gesellschaften nicht zu. Andererseits lag es überhaupt nicht in der Intention von Marx, eine formationsübergreifende Geschichte des Abendlandes aus der Logik der Warenform zu entwickeln. Vielmehr ging es ihm darum, die logischen Bedingungen der Warengesellschaft zu entfalten.23
Wieder tauchen die Antinomien des doppelten Marx auf, wenn er einerseits die Logik der Warenform kritisch historisieren will, andererseits die Produktivkräfte zum positiven, überhistorischen Subjekt aller menschlicher Geschichte erhebt und damit bekanntlich Hegels Weltgeist vom Kopf auf die Füße stellt.

Hegels Weltgeist im Schnelldurchlauf

Für Hegel ist Geschichte die des Weltgeistes, der am Anfang der Zeit an sich schon da war, quasi schlafend. Um zu erwachen, muss er erst zu sich kommen, um für sich zu sein und dieser Prozess des Erwachens, das ist die Geschichte. „Diese Bewegung ist der Weg der Befreiung der geistigen Substanz, die Tat, wodurch der absolute Endzweck der Welt sich in ihr vollführt, der nur erst an sich seiende Geist sich zum Bewusstsein und Selbstbewusstsein und damit zur Offenbarung und Wirklichkeit seines an und für sich seienden Wesens bringt und sich auch zum äußerlich allgemeinen, zum Weltgeist, wird. Indem diese Entwicklung in der Zeit und im Dasein und damit als Geschichte ist, sind deren einzelne Momente und Stufen die Völkergeister; jeder als einzelner und natürlicher in einer qualitativen Bestimmtheit ist nur eine Stufe auszufüllen und nur ein Geschäft der ganzen Tat zu vollbringen bestimmt.“24 Nach Hegel wirft sich der Weltgeist in die Welt, drückt sich in ihrer materiellen Natur und durch sie hindurch aus, formt dabei diese nach seinem Bilde und kommt dann in der vernünftig eingerichteten Welt – bei Hegel nicht IKEA, sondern der preußische Staat – und sich selbst reflektierend im Hirn des Philosophen zu sich – in dem Fall ganz bescheiden Hegel selbst.

Die historische Berechtigung der Dialektik

Wenn dem Histomat eine Berechtigung zusteht, dann nur für den Binnenraum der Geschichte der Warengesellschaft selbst. Auf ideeller Ebene nimmt nämlich Hegel mit Weltgeist und Dialektik das affirmativ vorweg, was Marx kritisch auf den Begriff des automatischen Subjekts bzw. Kapitals bringt. Erstmalig in der Geschichte der Menschheit und nur im Rahmen der Waren produzierenden Formation ist mit dem Kapital eine dialektische Bewegung der Gesellschaft gesetzt, die ständig ihre eigenen, immanenten Widersprüche produziert, und von diesen durch die Geschichte quasi gesetzesmäßig voran und in den Abgrund getrieben wird.
Die gerade in der Linken viel gepriesene Dialektik ist als Denkbewegung nur der ideelle Ausdruck des Kapitals – verstanden als die Bewegung der Realabstraktion des Werts. Im Gegensatz zu vormodernen Fetischformen, die anderen Entwicklungsmodi folgten, produziert der auf sich selbst rückgekoppelte Wert ständig und auf immer höherer Stufenleiter ein Natur- und Gesellschaftsverhältnis, das in dichotomische Gegensatzpaare zerfällt, die sich einerseits bedingen, andererseits gegenseitig negieren. Diese Gegensatzpaare sind Treibsätze, die den warengesellschaftlichen Abschnitt der Vorgeschichte (Marx) gesetzesförmig vor sich herpeitschen. Der Wert als Kapital vollführt dabei gleich der Bewegungsform des Hegelschen Weltgeistes eine ständige Bewegung vom an sich zum für sich. Der Wert als qualitätsloses Nichts oder leere Form entäußert sich in die Welt, die nicht mehr für ihn ist als das Material seines Ausdrucks, nur Objekt in dem und durch das er sich hindurch darstellen kann. Aber er verschwindet nicht im Prozess der Entäußerung, sondern kommt immer wieder zu sich zurück (G-W-G’). Die Bewegung beginnt von Neuem und in ihrer steten und expansiven Wiederholung modelt der Wert eine Welt nach seinem Bild. Wenn der Wert als Abstraktion real wird, kann dies nur als ein Prozess der Vernichtung gedacht werden, als Vernichtung von Welt. Der diesbezügliche Stand der Destruktion ist global auf sozialer und ökologischer Ebene erkennbar weit vorangeschritten.
Dass Marx im Kapital passagenweise und ganz deutlich im Manifest den destruktiven Automatismus des Werts in einen emanzipatorischen umbiegt, um Wind in die Segel der Arbeiterklasse auf ihrer historischen Mission zu blasen, ist auf theoretischer Ebene nicht zu halten. Warum soll ausgerechnet das durch den Wert konstituierte Interesse Arbeit über die Warengesellschaft emanzipatorisch hinausweisen? Die wertkonstituierte Charaktermaske Arbeit hat an sich nur Interessen, die wertförmig sind. Da gibt es kein an sich, was darüber hinaus will. Kommt es zu sich, heißt es: „Wir sind das Kapital“. Dieser Satz ist wahr im Munde der Ware Arbeitskraft – wenn auch unkritisch gemeint.
Die historische Berechtigung des Histomat erschließt sich nur, wenn wir mit Marx gegen Marx argumentieren, d.h. wenn wir seine geschichtsphilosophischen Darstellungen vor dem Hintergrund seiner Fetischkritik einer neuen Bestimmung unterziehen. Marx sagt im Fetischkapitel des Kapital: „Das Geheimnisvolle der Warenform besteht also einfach darin, dass sie den Menschen die gesellschaftlichen Charaktere ihrer eignen Arbeit als gegenständliche Charaktere der Arbeitsprodukte selbst, als gesellschaftliche Natureigenschaften dieser Dinge zurückspiegelt, daher auch das gesellschaftliche Verhältnis der Produzenten zur Gesamtarbeit als ein außer ihnen existierendes gesellschaftliches Verhältnis von Gegenständen.“25 Der Wert ist also nichts weiter als ein unbewusstes gesellschaftliches Verhältnis, das die verrückte Form annimmt, ,Eigenschaft‘ einer Sache zu sein. Damit erhalten die Produkte der menschlichen Hand einen über ihre sinnliche Natur hinausgehenden übersinnlichen, quasi-metaphysischen Charakter. Im Kapital macht sich der Wert autonom und reißt den gesellschaftlichen Kontext in seine dialektische Entäußerungsbewegung, die doch immer wieder zu ihm führt, um den Prozess der Entäußerung auf höherer Stufenleiter zu wiederholen usw. Erst die dialektische Bewegung des quasi-metaphysischen Werts als Kapital durchdringt und formt die stoffliche Natur der Produktivkräfte zum Selbstzweck ihrer permanenten Revolutionierung.
Der ganze stoffliche Pathos, mit dem sich der traditionelle linke Materialismus spreizte, verflüchtigt sich. Was ihm das reale Leben war, ist nichts weiter als der stofflich Ausdruck einer real-metaphysischen Bewegung, die der alle Sinnlichkeit negierende Wert setzt. Der Histomat ist nur der positive ideologische Ausdruck der realen Metaphysik des Werts, der im unbewussten gesellschaftlichen Verhältnis der Menschen selbst gründet. „Ihre eigene gesellschaftliche Bewegung besitzt für sie die Form einer Bewegung von Sachen, unter deren Kontrolle sie stehen, statt sie zu kontrollieren“. „Es ist nur das bestimmte gesellschaftliche Verhältnis der Menschen selbst, welches hier für sie die phantasmagorische Form eines Verhältnisses von Dingen annimmt.“26 Ernst Lohoff bringt es auf den Punkt, wenn er schreibt: „Im Histomat werden aber diese spezifischen Verhältnisse, die ausschließlich die bürgerliche Gesellschaft charakterisieren und auch nur sobald sie sich bereits auf ihrer eigenen Grundlage bewegt, auf die gesamte Geschichte projiziert. Nur auf dem Boden der Warengesellschaft existiert der Zwang, die Produktivkräfte permanent zu revolutionieren. Nur im Rahmen der Binnenentwicklung der Warengesellschaft werden gesellschaftliche Verhältnisse permanent umgewälzt, wenn sie dem Produktivismusdiktat nicht Genüge tun. Nur in der Warengesellschaft beschreibt das Basis-Überbau-Schema, die Annahme, das Ökonomische sei das Bestimmende, etwas Richtiges.“27 Georg Lukács, der bei weitem nicht als Kritiker des Histomat gelten kann, kommt zu einem ähnlichen Schluss: „In den vorkapitalistischen Gesellschaften hat es jene Selbständigkeit, jenes Sich-selbst-als-Ziel-Setzen, jene Insichgeschlossenheit und Selbstherrlichkeit, jene Immanenz des wirtschaftlichen Lebens, wie es in der kapitalistischen Gesellschaft erreicht worden ist, noch nicht gegeben. Daraus folgt, dass der historische Materialismus auf die vorkapitalistischen sozialen Gebilde nicht ganz in derselben Weise angewendet werden kann, wie auf die der kapitalistischen Entwicklung. Hier bedarf es viel verwickelterer, viel feinerer Analysen, um einerseits aufzuzeigen, welche Rolle unter den die Gesellschaft bewegenden Kräften die rein wirtschaftlichen Kräfte, soweit es solche im strengen Sinne der „Reinheit“ damals überhaupt gab, gespielt haben, andererseits um nachzuweisen, wie diese wirtschaftlichen Kräfte hier auf die übrigen Gebilde der Gesellschaft einwirkten.“28 Der Grund einer relativen Berechtigung des historischen Materialismus, den Lukács in seinem Werk noch positiv zu wenden sucht, liegt aber in der spezifischen Fetischkonstitution der Warengesellschaft, die die moderne Fortschrittsteleologie desavouiert. „Mit der Einführung des Fetischismusbegriffs und den der Vorgeschichte ist Marx, zumindest tendenziell, jenseits der Fortschrittsteleologie angelangt. Wer die gesamte bisherige Geschichte als Geschichte von Fetischverhältnissen fasst, der muss keine Hierarchie zwischen den verschiedenen Fetischverhältnissen aufmachen. Marx hat dieses Problem nicht weiter entwickelt. Sein Rekurs auf den Fetischbegriff hat auf der geschichtsphilosophischen Ebene nur die Konnotation, schaut her, ihr fühlt euch den ‚primitiven Afrikanern‘ überlegen und habt doch nur einen Fetisch gegen einen anderen ausgetauscht. Dabei bleibt er stehen. Man könnte das aber auch systematisieren und gegen den Fortschrittsoptimismus insgesamt mobilisieren.“29

Die all- und ohnmächtige Dialektik

Theorie im neuzeitlichen Sinn drängt danach, die Welt begrifflich total in sich aufzulösen. Darin ist sie vermessen. Aber schon die Natur geht nicht auf in der Logik von Gesetzen, sie ist nie identisch mit dem Begriff, den wir von ihr haben. Dies zu konstatieren, macht radikale Gesellschaftskritik als Theorie aber nicht hinfällig im Sinne eines Verbotes von universellen Erzählungen, wie die Postmoderne postuliert. Denn mit dem Wert ist ein Prozess der Realabstraktion angesprochen, eine Reallogik und Realmetaphysik, die in ihrer wesensmäßigen Reinheit auf begrifflicher Ebene tatsächlich ihre Entsprechung in der inhaltlosen Leere des Werts findet. „Mit der Kategorie der Ware hat Marx nicht nur den genauen Gegenstand der Dialektik in der historischen Formbestimmung der Warenproduktion herausgestellt, sondern ebenso die Dialektik selbst bestimmt. (…) Der Begriff wird dem Gegenstand adäquat, indem dieser – vorläufig noch die naturhaft ablaufenden bürgerlichen Zusammenhänge – bewusst reflektiert wird. In dieser Weise hat die Methode keinen Anspruch auf übergeschichtliche Gültigkeit (…). Die Übereinstimmung des Begriffs mit seinem Gegenstand impliziert – gemäß der Historizität dieses Gegenstandes, der kapitalistischen Gesellschaft – die Historizität des Begriffs, der Methode selbst. Deshalb muss die Marxsche Dialektik in einem doppelten Sinne als Kritik verstanden werden: Nicht als Gegensatz von wahr und falsch, was eine statische Wahrheit und einen begrifflichen Standpunkt außerhalb des Gegenstandes impliziert, sondern als eine immanente kritische Analyse der bürgerlichen Gesellschaft in ihrer Entwicklung, ihren Widersprüchen und Negationsformen – als Geschichte der kapitalistischen Entwicklung (…)“.30 Mit Postone ist die Dialektik gegenüber einer postmodernen Kritik zu rehabilitieren. Sie ist zu bestimmen als adäquate historische Denkform, die die reale dialektische Bewegung des Werts einzufangen vermag. Die Dialektik ist in der Warengesellschaft gültig, aber nur in ihr.
Die Deckungsgleichheit von Realabstraktionsprozess und begrifflicher Abstraktion ist aber nicht nur gegenüber Histomat, Hegelschem Weltgeist und der Negativen Dialektik Adornos zu historisieren. Wird Dialektik als ideeller Ausdruck der Bewegung des Werts gefasst, kann es nicht mehr darum gehen, Welt und Geschichte begreif- und handhabbar in die Tasche zu stecken. Vielmehr muss diese Dialektik in dem Wissen, dass Begriff/Realabstraktion und Welt nur in Gewalt zueinander finden, mit sich gegen sich denken. Dialektik kann also nicht einfach positiv als Methode und Mittel der Kritik betrachtet werden, sondern muss selbst Gegenstand der Kritik sein.

Der falsche Telos einer funktionierenden negativen Totalität

Zur Kritik steht das Prinzip des Identischen, die Reduzierung der mannigfaltigen empirischen Qualitäten der Welt auf ein Prinzip. Dieses Prinzip ist aber die Dialektik. Ob nun positiv oder negativ, in ihrem Universalismus sind sich Hegel, Histomat-Marx und Adorno/Horkheimer gleich. Letztere sahen zwar die Existenz des Nicht-Identischen, welches sie in Kunst und Subjekt auszumachen glaubten, nahmen aber an, dass dieses Nicht-Identische am Erlöschen sei. „Kultur heute schlägt alles mit Ähnlichkeit“31, heißt es in der Dialektik der Aufklärung. In Anbetracht ihrer Erfahrungen mit Faschismus, Stalinismus und den totalitären Massendemokratien ist die Einschätzung, alle Hoffnungen auf widerständige Momente und Emanzipation seien kontrafaktisch im Angesicht des endgültigen Triumpfes der negativen Totalität von Barbarei und Herrschaft, durchaus nachvollziehbar. Theoretisch korrepondierte dieser Pessimismus allerdings mit der Fehleinschätzung, dass das mit dem Markt assoziierte Wertgesetz durch das vermeintliche Primat der Politik aufgehoben und damit jeder struktureller Widerspruch sistiert sei.32
Der Wert als „Identifikationsprinzip“ kann sich aber nicht in einen Zustand funktionierender negativer Totalität auflösen. Adorno liefert selbst mit seinem Begriff des Nicht-Identischen einen anderen Zugang zum Universalismus des Werts, indem er auf das von ihm Abgespaltene (Scholz)30 verweist. Der Wert ist ohne seine abgespaltenen Momente nicht denkbar. Das durch die formelle Vernunft zugerichtete Subjekt muss seine Sinnlichkeit und Emotionalität domestizieren und abspalten, wobei Vernunft und Sinnlichkeit als Abstrakte überhaupt erst konstituiert werden. Dieses abstrakte Gegenüber fand anknüpfend an vormoderne patriachale Verhältnisse eine geschlechtsspezifische Zuordnung, wobei der Wert als männliches Prinzip figuriert. So konstituiert das Wert-Universum sein eigenes als weiblich konstruiertes Schattenreich. Wert und Abspaltung sind dabei zwar auf derselben Abstraktions- und Konstitutionsebene angesiedelt, stehen jedoch zueinander in einem unterschiedlichen Verhältnis, insofern der Wert dominiert und das Abgespaltene als Sekundäres erscheint. Nicht umsonst bleibt die Sphäre der Reproduktion im Marxschen Kapital als vermeintlich vorgesellschaftlicher Raum vollkommen unerwähnt und nicht umsonst ist das moderne Fortschritts- und Geschichtsverständnis als männliches zu charakterisieren, obwohl es doch die Doppelstruktur von Wert/Abgespaltenem ist, die sich zunehmend totalisiert. Doch selbst diese Wert-, Abspaltungsstruktur kann nicht als totale gedacht werden. Sie ist zwar ein sich totalisierendes Prinzip, aber das ist nicht zu verwechseln mit der Totalität selbst. Es bleibt sozusagen etwas übrig, ein Rest, der in dieser Doppelstruktur nicht aufgeht. So wird Wert- und Wertabspaltungskritik in dem Sinne bescheiden, weil es ihr nicht mehr um die Erklärung irgendeiner Totalität geht. Ihr alleiniger Gegenstand ist die Kritik des sich totalisierenden Prinzips von Wert und Wertabspaltung. Das ist ein Unterschied.

Negativer Fortschrittsglaube

Auch wenn Adorno/Horkheimer einen widersprüchlichen Grenzfall darstellen, auch sie bleiben weithin in der Denkstruktur von Geschichtsteleologie und Fortschrittsglaube befangen, allerdings beides versehen mit einem negativen Vorzeichen. Hier heißt das Ziel der Menschengeschichte „Verhängnis“ und der Fortschritt ist dann eben ein negativer. Mit der misslungenen Ablösung von der ersten Natur in grauer Vorzeit habe sich das Dilemma der Herausbildung einer zweiten Natur34 (Marx) ergeben. Je weiter der Prozess der Loslösung von der ersten Natur voranschritt, desto mehr habe sich das Geschick der Menschen in der zweiten Natur verfangen: „Die Behauptung eines in der Geschichte sich manifestierenden und sie zusammenfassenden Weltplans zum Besseren wäre nach den Katastrophen und im Angesicht der zukünftigen zynisch. Nicht aber ist darum die Einheit zu verleugnen, welche die diskontinuierlichen, chaotisch zersplitterten Momente und Phasen der Geschichte zusammenschweißt, die von Naturbeherrschung, fortschreitend in die Herrschaft über Menschen und schließlich die über inwendige Natur. Keine Universalgeschichte führt vom Wilden zur Humanität, sehr wohl eine von der Steinschleuder zur Megabombe.“35
Ganz ähnlich wird da argumentiert wie in Stanley Kubricks legendärem Film „2001 – Odyssee im Weltraum“. Hier gibt es die berühmte Menschwerdungsszene, in der ein Affe durch die Entdeckung und Anwendung eines knochenförmigen Mordwerkzeuges zum Menschen wird. Im Triumph seiner Entdeckung schleudert er den Knochen in den Himmel und in einer atemberaubenden Überblendung zu einem dem Knochen ähnlichen Raumschiff werden zig-tausend Jahre Menschheitsgeschichte übersprungen. Und weil alles beim Alten bleibt, entpuppt sich diese Technik als mörderisch in Form des heimtückischen Computers HAL 9000. Ein äußerst kulturpessimistischer Entwurf, der den ausweglosen Zusammenhang von Gewalt und Technik behauptet. Einziger und unverstandener Ausweg scheint die Berührung mit einer gottähnlichen außerirdischen Intelligenz zu sein.
Analog zeichnen Adorno/Horkheimer in der Dialektik der Aufklärung das Verhängnis nach, was an sich schon mit der Menschwerdung seinen Anfang nahm und in den totalitären, kulturindustriellen Massengesellschaften zu sich kommt. In dem wichtigen Anliegen, den Zusammenhang von „Aufklärung und Herrschaft“ zu kritisieren, den sie im Nationalsozialismus, im Staatstotalitarismus und in der kulturindustriellen Massengesellschaft ausmachen, greifen sie aber merkwürdigerweise an zentraler Stelle auf die Odysseus-Parabel zurück, die – originell, aber klassensoziologisch verkürzt – einen unerwartet großen Bogen spannt. Demnach ist das Dilemma der Aufklärung ursächlich nicht in ihrer eigenen Epoche zu suchen, sondern weit vor ihr: mit Odysseus bei den alten Griechen, aber eigentlich schon in grauer Vorzeit. Der verhängnisvolle Lauf der Dinge hat die Naturverfallenheit zur zentralen Figur. Als ein Beispiel hierfür kann die Sirenen-Episode aus der Dialektik der Aufklärung gelten. „Er (Odysseus) macht sich ganz klein, das Schiff nimmt seinen vorbestimmten, fatalen Kurs und er realisiert, dass er, wie sehr auch bewusst von Natur distanziert, als Hörender ihr verfallen bleibt.“36 Die Geschichte ist bekannt. Odysseus befielt seine Fesselung, während die ihm untergebene Mannschaft mit Wachs in den Ohren sicher vor den Gesängen der Sirenen aus der gefährlichen Situation rudert. Die Macht seiner Position als Kommandant der Arbeit erlaubt es Odysseus, den Gesängen zu lauschen. Die verführerische Gewalt der Natur treibt ihn in die Nähe des Wahnsinns, nur die Fesseln retten ihn. Anders die Mannschaft selbst, die sich taub in Arbeit betätigen und damit der Verführung der Natur entfliehen. Herrschaft und Arbeit, die sich beide auf Unterwerfung und Entfremdung reimen, sind in diesem Verständnis das Ticket, um aus der vermeintlich fatalen Umklammerung der Natur zu entkommen. So wie bei Hegel der Weltgeist das Subjekt der Geschichte war und im Histomat die Produktivkräfte, so lassen uns Adorno/Horkheimer dank unserer Naturverfallenheit dramatisch durch die Geschichte stürzen, in der die höchst unwahrscheinliche Befreiung ähnlich wie bei Kubrick nur als ein göttliches Ereignis gedacht werden kann. In diesem negativen geschichtsteleologischen Konstrukt37 wird also das Scheitern der Aufklärung in der Naturverfallenheit gesucht und nicht in der Aufklärung selbst. So scheint es letztlich wieder die Natur zu sein, die Aufklärung in Herrschaft umschlagen lässt. Demnach läge es nicht an der Aufklärung, die wieder zu emanzipatorischen Ehren käme, dass ihr Projekt nicht gelang. Aufklärung wäre also deshalb gescheitert, weil sie angeblich nie zu sich kam bzw. verwirklicht wurde.

Ideal gegen Wirklichkeit – der Modus des Fortschritts

Doch wie jede nährt sich auch die negative Geschichtsteleologie am Gedanken der Verwirklichung, wie ihn die Ideale der Aufklärung seit je her einforderten. Ihnen auf dem Leim gegangen zu sein, ist das traurige Verdienst selbst der kritischsten Geister. Eine Passage aus der Negativen Dialektik offenbart das ganze Dilemma Adornos und damit seines Pessimismus: „Soll die Menschheit des Zwangs sich entledigen, der in Gestalt von Identifikation real ihr angetan wird, so muss sie zugleich die Identität mit ihrem Begriff erlangen. Daran haben alle relevanten Kategorien teil. Das Tauschprinzip, die Reduktion menschlicher Arbeit auf den abstrakten Allgemeinbegriff der durchschnittlichen Arbeitszeit, ist urverwandt mit dem Identifikationsprinzip. Am Tausch hat es sein gesellschaftliches Modell und er wäre nicht ohne es; durch ihn werden nichtidentische Einzelwesen und Leistungen kommensurabel, identisch. Die Ausbreitung des Prinzips verhält die ganze Welt zum Identischen, zur Totalität. Würde indessen das Prinzip abstrakt negiert; würde als Ideal verkündet, es solle, zur höheren Ehre des irreduzibel Qualitativen, nicht mehr nach gleich und gleich zugehen, so schüfe das Ausreden für den Rückfall ins alte Unrecht. Denn der Äquivalententausch bestand von alters her gerade darin, dass in seinem Namen Ungleiches getauscht, der Mehrwert der Arbeit appropriiert wurde. Annullierte man simpel die Maßkategorie der Vergleichbarkeit, so träten anstelle der Rationalität, die ideologisch zwar, doch auch als Versprechen dem Tauschprinzip innewohnt, unmittelbare Aneignung, Gewalt, heutzutage: nacktes Privileg von Monopolen und Cliquen. Kritik am Tauschprinzip als dem identifizierenden des Denkens will, dass das Ideal freien und gerechten Tauschs, bis heute bloß Vorwand, verwirklicht werde. Das allein transzendierte den Tausch. Hat ihn die kritische Theorie als den von Gleichem und doch Ungleichem enthüllt, so zielt die Kritik der Ungleichheit in der Gleichheit auch auf Gleichheit, bei aller Skepsis gegen die Rancune im bürgerlichen Egalitätsideal, das nichts qualitativ Verschiedenes toleriert. Würde keinem Menschen mehr ein Teil seiner lebendigen Arbeit vorenthalten, so wäre rationale Identität erreicht und die Gesellschaft wäre über das identifizierende Denken hinaus. Das rückt nahe genug an Hegel.“38 Wahrlich, näher an Hegel kann Adorno nicht mehr rücken. Wollte Adorno andernorts noch Begriff und Gesellschaft in dem Wissen versöhnen, dass sie nicht identisch sind, wird hier das Gegenteil proklamiert. In einer theoretisch unhaltbaren Darstellung bezieht sich Adorno dabei auf die historische Notwendigkeit des Tauschaktes als zivilisatorischen Schritt, ohne den ein „Rückfall in altes Unrecht“ erfolgen würde. Die Begründung offenbart die ganze Ontologie der Negativen Dialektik. Seit „alters her“ soll der „Äquivalententausch“ darin bestanden haben, dass der „Mehrwert“ (!) der „Arbeit“ (!) unrechtmäßig angeeignet wurde. An dieser Aussage ist so gut wie alles falsch. Zum einen ist der Tauschakt nichts anderes als Äquivalententausch. So kann der Tauschakt nicht hinter sich selbst zurückfallen. Dies ginge nur, wenn Tauschakt und Äquivalententausch nicht unterschiedliche Ausdrücke ein und derselben Sache wären. Das nimmt Adorno aber offenbar an, wenn er von „Rückfall ins alte Unrecht“ spricht und den Äquivalententausch meint, welcher gerade darin bestünde, dass der Mehrwert der Arbeit entwendet werde. Mal abgesehen von der völlig unzulässigen Ontologisierung von Mehrwert, Arbeit und Äquivalententausch ist die Aneignung des Mehrwerts durch das Kapital kein logischer Widerspruch zum Äquivalententausch respektive Tauschakt. Gleiches wird mit Gleichem vergolten, wenn der Besitzer der Ware Arbeitskraft diese zur Nutzung an ein Kapital verkauft. Der Wert der Ware Arbeitskraft ist ihr Tauschwert und der ergibt sich aus dem Wert des Warenkorbes, den die Ware Arbeitskraft benötigt, um zur weiteren Arbeitsverausgabung antreten zu können. Ist der Verkauf der Ware Arbeitskraft erfolgt, ist deren Besitzer gleich mehrfach aus dem Rennen: Zum einen ist er für die Länge des Arbeitstages bzw. -vertrages nicht mehr Besitzer von Arbeitskraft; er hat sie ja verkauft. Damit steht es ihm aber auch nicht mehr zu, über die Verwendung seiner Arbeitskraft zu bestimmen. Das Kapital verwendet nun die Arbeitskraft, konsumiert sie zum Zwecke der Wert-Vermehrung.
Das Vorenthalten des Mehrwerts, das Adorno hier in klassisch arbeiterbewegungsmarxistischer Manier skandalisiert, steht also keineswegs im Widerspruch zum Tauschakt. Vielmehr entspringt es seiner Logik. Wäre dem nicht so, dürfte sich zum Beispiel der Bier-Verkäufer, der sich mit seiner Ware zu sehr identifiziert, darüber empören, dass wir aus Laune sein Bier einfach wegkippen. Das steht ihm aber nach Logik des Tauschaktes nicht zu. Was ihn als Verkäufer allein zu interessieren hat, ist der Tauschwert seiner Ware; der Gebrauchswert und dessen Nutzung obliegt einzig und allein dem Käufer. Das Missverständnis über die Gerechtigkeit des Tauschaktes führt Adorno unweigerlich dazu, diesen als ‚irgendwie immer noch nicht ganz realisiert‘ zu sehen, obwohl er richtig bemerkt, dass die ganze Welt diesem Prinzip unterworfen ist. So macht Adorno als emanzipatorischen Fluchtpunkt der Geschichte gerade nicht die Kritik, sondern die Verwirklichung des Tauschaktes und mit ihm der in ihn hausenden Freiheit und Gleichheit aus. Der Marxsche Satz, dass Freiheit und Gleichheit nur die ideellen Ausdrücke der auf dem Tauschwert beruhenden Produktionsweise sind, verkehrt Adorno dahingehend, dass Freiheit und Gleichheit nur ideologische Ausdrücke im Sinne eines Betruges und Vorenthaltens sind. Weil Adorno die ideellen Ausdrücke für ideologische nimmt, geraten sie ihm zu Idealen. Doch die heutige Welt ist voll mit diesen Idealen. Deren Geschichte ist an ihr destruktives Ende gelangt, die der Menschen könnte dahinter beginnen.

1 Friedrich Engels, Einleitung zur englischen Ausgabe der „Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft“ (1892), MEW Bd. 22, S. 287-311.
2 Karl Marx, Zur Kritik der politischen Ökonomie, MEW Bd. 13, S. 8ff.
3 Karl Marx/Friedrich Engels, Manifest der kommunistischen Partei, MEW Bd. 4, S. 462
4 Karl Marx, Brief an V. I. Sassulitsch, MEW Bd. 19, S. 242/243.
5 An der Kategorie des Eigentums skandalisierte der Arbeiterbewegungsmarxismus immer nur die unmittelbare Verfügungsgewalt und nicht die Rechtsform als solche. Damit wird nicht nur der Kern des Problems verfehlt, sondern es wird auch unmöglich, die Eigentumsfrage auf der Höhe der Zeit kritisieren zu können. Zu diesem Problem sei auf den Aufsatz von Peter Klein, Moderne Demokratie und alte Arbeiterbewegung. Teil 1, Marxistische Kritik 3 (1987), oder auf http://www.giga.or.at/others/krisis/p-klein_moderne-demokratie-teil-1_mk3-1987.html verwiesen.
6 Karl Marx, Die britische Herrschaft in Indien, MEW Bd. 9, S. 132-133. Dieser Text avancierte zur Lieblingslektüre der Antideutschen nach dem 3. Golfkrieg. In falscher Analogisierung unterschiedlicher historischer Prozesse wurden die Marxschen Ausführungen als Beleg für die zwar schmerzhaften, aber angeblich notwendigen Bombardierungen im Irak angeführt. Analog ist natürlich das Argumentationsmuster insofern, als dem Kapital die historische Mission obliegt, die Drecksarbeit der Geschichte als Bedingung einer kommunistischen Emanzipation zu erledigen, ohne die die Überwindung der vormodernen Barbarei angeblich nicht denkbar sei.
7 Selbstverständlich unterlag die indische Agrargesellschaft anderen fetischisierten Herrschaftsverhältnissen, die u.a. im Kastenwesen und Witwenverbrennungen ihren Ausdruck fanden. Nebenbei bemerkt sind aber letztere kein genuines Produkt der Dorfgemeinschaften selbst, sondern fanden in den Adelskreisen Verbreitung. Auch ist diese „Sitte“ nicht einfach auf die Religionen zurückzuführen, denn sie wurde schon früh von Indern und Muslimen getadelt. Siehe: Friedrich Wilhelm, Staat und Gesellschaft, in: Heinrich Gerhard Franz (Hrsg): Das alte Indien, S. 160.
8 Marx bemerkt selbst, dass „das von den Briten über Hindustan gebrachte Elend wesentlich anders geartet und unendlich qualvoller ist als alles, was Hindustan vorher zu erdulden hatte.“, in: Karl Marx, Die britische Herrschaft in Indien, MEW Bd. 9, S. 128.
9 Hanna Arendt, Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. S. 322 f., zit. nach Josef Hierlmeier, Internationalismus. Eine Einführung in die Ideengeschichte des Internationalismus, Schmetterling-Verlag, 2002, S. 138
10 Karl Marx, Das Kapital, vgl. MEW Bd. 23, S. 745.
11 Robert Kurz, Auf der Suche nach dem verlorenen sozialistischen Ziel, 1988, S. 23. Die hier zitierten älteren wertkritischen Positionen geben keineswegs den heutigen Stand der Theorieentwicklung der Wertkritik an. Deren Weiterentwicklung ist aber diesbezüglich bisher nur ansatzweise dargelegt worden. Generell kann die Wertkritik nicht als Orthodoxie gelesen werden, sondern muss primär als Prozess verstanden werden. Viele der Kategorien, die in früheren Schriften noch positiv vorausgesetzt waren, sind im Zuge der Radikalisierung der Kritik selbst Gegenstand der Kritik geworden (Arbeit, Subjekt usw.). Dabei handelt sich nicht um Antinomien, sondern um den normalen Betrieb eines Theoriebildungsprozesses, der vermeintlich ontologische Kategorien zu historisieren sucht. Die Kritik von Arbeit, Subjekt, Abspaltung, Aufklärung usw. ist nicht durch einen Akt der Entscheidung gesetzt oder fällt gar vom Himmel, sondern muss theoretisch vermittelt und entfaltet werden.
12 Ebenda, S. 25.
13 Franz Schandl, Geschichte als Fortschritt, Weg und Ziel 1996 Nr. 4, 1996, S. 15.
14 Ernst Lohoff, Determinismus und Emanzipation, krisis 18 (1996), S. 56.
15 Dieses Entwicklungsmodell entspricht doch eher der vulgär-bürgerlichen Geschichtsmärchenstunde einer sich friedlich ausbreitenden Markt- und Geldwirtschaft gegen die Widerstände von weltlichem Adel und religiösem Aberglauben. In Jostein Gaarders ‚Sophies Welt‘ findet sich ein populäres Beispiel dieses Geschichtsverständnisses, in dem sich nicht nur der allgemeine gesunde Menschenverstand wiederfinden dürfte, sondern auch und gerade seine linke Version.
16 Karl Marx, Das Kapital, MEW. Bd. 23, S. 743.
17 Ebenda, S. 744-745.
18 Ebenda, S. 745.
19 Ebenda.
20 Was sich das warenförmige Alltagsbewusstsein kaum vorstellen kann, hat schon längst Eingang in die Lexika gefunden: „War die gewerbliche Warenproduktion in den Städten konzentriert, zünftisch organisiert und ausschließlich auf Bedarfsdeckung für die städtische Kommune, das Umland und den adligen Hof ausgerichtet, versorgte sich das Land weitgehend selbst durch eine familienbetriebliche Landwirtschaft.“, Fischer Weltgeschichte. Entstehung des frühneuzeitlichen Europa 1550-1648, S. 94.
21 Vgl. Karl-Georg Zinn, Kanonen und Pest. Über die Ursprünge der Neuzeit im 14. und 15. Jahrhundert, Westdeutscher Verlag, 1989, S. 31ff.
22 Vgl. Robert Kurz, Der Knall der Moderne, online: http://www.exit-online.org/html/link.php?tab=autoren&kat=Robert%20Kurz&ktext=Der%20Knall%20der%20Moderne
23 Vgl. Moishe Postone, Zeit, Arbeit und gesellschaftliche Herrschaft, S. 201ff.
24 Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse, S. 860 (vgl. Hegel Werke Bd. 10, S. 347).
25 Karl Marx, Das Kapital, MEW Bd. 23, S. 86.
26 Ebenda.
27 Ernst Lohoff, Brief an Christian Höner, August 2002.
28 Georg Lukács, Der Funktionswechsel des Historischen Materialismus, in: Geschichte und Klassenbewusstsein. Studien über marxistische Dialektik, Reprint der Erstausgabe von 1923 bei Red Star Press, London, 2000, S. 244.
29 Ernst Lohoff, Brief an Christian Höner, August 2002.
30 Moishe Postone, Dialektik und Proletariat, 1976; http://www.krisis.org/1976/dialektik-und-proletariat
31 Theodor W. Adorno, Dialektik der Aufklärung, Gesammelte Schriften 3, S. 141.
32 Moishe Postone kritisiert den auf dieser Annahme beruhenden Pessimismus der kritischen Theorie ausführlich in: Moishe Postone, Zeit, Arbeit und gesellschaftliche Herrschaft, ça ira -Verlag 2003, S. 141ff.
33 Das hier Skizzierte basiert auf dem Wertabspaltungstheorem; in: Roswitha Scholz, Der Wert ist Mann, krisis 12, 1992 u. Roswitha Scholz, Das Geschlecht des Kapitalismus. Die Verwilderung des Patriarchats in der Postmoderne, Horlemann, Bad Honnef, 1999.
34 Zweite Natur meint, dass das gesellschaftliche Verhältnis der Menschen, ihr gesellschaftliches Verhalten ihnen als etwas Äußerliches, Fremdes und Objektives gegenübertritt. Dies ist Schein, aber als solcher ist er real.
35 Theodor W. Adorno, Negative Dialektik, Suhrkamp, S. 314.
36 Theodor W. Adorno, Dialektik der Aufklärung, Gesammelte Schriften 3, S. 77.
37 Die negativen geschichtsteleologischen Momente der Dialektik der Aufklärung sind denn durchaus in Richtung einer häufig bemühten antideutschen Argumentationsfigur interpretierbar: Die negative Aufhebung des Kapitals auf seinen eigenen Grundlagen, die im deutschen Faschismus und insbesondere in Auschwitz stattgefunden haben soll. Dieses Konstrukt ist unhaltbar. Arbeit, Ware, Wert, Kapital usw. haben nie aufgehört zu existieren, geschweige denn, dass sie sich in eine funktionierende Negativität hätten auflösen bzw. aufheben können. In Auschwitz wurde eben nicht der Wert als solcher vernichtet, sondern die mit ihm identifizierten Juden.
38 Theodor W. Adorno, Negative Dialektik, Suhrkamp, S. 150

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